Artist in Residence - Oliver Ross

Eine gute Woche nach seinem Aufenthalt im Atelier des 25hours Hotel Langstrasse hat Oliver Ross erzählt, in wie weit die Veränderung des Arbeitsortes Auswirkungen auf seine Schaffungsprozesse hat und seine Kunstwerke beeinflusst, ob sein Tag durch den Ortswechsel verändert wird und ob Hotel und Kunst miteinander funktionieren können.

Das Atelier im 25hours Hotel Langstrasse wirkt auf Oliver Ross wie eine Vorstellung davon, wie ein Atelier aussehen müsste, etwas künstlich Erschaffenes, Produziertes. Es ist zweckdienlich eingerichtet. Die Seele des Ateliers kommt und geht hier mit jedem Künstler.

Es ist mit seinem Atelier in Hamburg nicht vergleichbar. Einige wenige Dinge finden sich wieder: bestimmte Farben zum Beispiel. Das geht aber im sonstigen Krimskrams eher unter. In Olivers Atelier spürt man die Kunst quasi beim Eintreten, es ist bunt, es ist hell, es herrscht organsiertes Chaos. Collagen, Kunstwerke, Objekte sind im ganzen Raum verteilt, hängen an den Wänden, finden ihren Platz auf dem Tisch und dem Sessel und sicherlich auch an versteckten Orten.

Jedes Kunstwerk und geschaffene Objekt reagiert auf den Raum und seine Umgebung, stellt sich in den Kontrast oder integriert sich. Dabei beeinflusst die direkte Umgebung die Kunst nur bedingt: Es hat natürlich „immer alles“ Auswirkungen auf den künstlerischen Prozess: Der schaffende Mensch, die Umgebung, die Gefühlslage.

Deutlich erfahren kann man das an zwei in Zürich entstanden Kunstwerken: Beim einen nutzte Oliver eine noch verpackte Leinwand. Unter das Plastik spritzte er Tusche und integrierte die Spritzen hinterher ins Kunstwerk. Auf diese Idee kam er, da – so hört man - in der Nähe der Langstrasse oftmals Drogensüchtige verkehren. Auch sein Frühstücksmüsli hat sich im selben Bild wiedergefunden: Material, das genutzt werden kann. Auf die Idee mit dem Müsli kam er zwar in Zürich nicht das erste Mal, dennoch sieht man: Die direkte Umgebung hat konkrete Auswirkungen auf das Kunstwerk. 
Es entstand außerdem ein Objekt, das so geschaffen wurde, dass der neben dem Hotel stattfindende Zugverkehr optisch eingebunden wurde. Das Kunstwerk wurde entweder durch das Atelier Licht beleuchtet, sodass man das Objekt wunderbar vom Zug aus beleuchtet sehen konnte. Andererseits konnte man den Zugverkehr im Bild entdecken: Der Blick auf den Zugverkehr war für Oliver ungewohnt und für diesen urbanen Standort sehr charakteristisch. Durch ein Loch in der Mitte des Objekts fuhren je nach Perspektive die Züge quasi durch das Bild und die direkte Umgebung wurde so ins Bild projiziert.

Andererseits ist Kunst eben Kunst– sie kommt irgendwoher, bedeutet etwas oder bedeutet vielleicht nicht mehr als eine bunte Anhäufung an Farben und Formen. Kunst kommt für Oliver Ross „aus einer seltsamen Welt, die ein Zwischenreich ist zwischen unserer alltäglichen Realität und dem, was man einen abstrakten Kosmos nennen könnte. Zwischen beiden Welten, die gleichermaßen real sind, geht die Kunst hin und her…“. Für Oliver hat Kunst immer etwas mit „Mensch sein“ zu tun. Was genau, kann aber auch er nicht immer bestimmen. Er empfindet seine Ästhetik als sehr eigenständig, nicht leicht beinflussbar. Sie generiert sich auch aus anderen Zusammenhängen als den Bezug auf die direkte Umgebung.
Viele Prozesse dauern beispielsweise so lange an, dass das Kunstwerk nicht zwangsläufig an einem einzigen Ort geschaffen wird oder man sich darüber im Vorhinein konkret Gedanken macht, was an diesem einen speziellen Ort geschaffen werden soll. Kunst geht manchmal mit auf Reisen und wenn es ausgewogen und interessant genug ist– ein rein intuitiver, gefühlter Zustand – dann ist es fertig. Manche Kunstwerke werden übrigens nach 10 Jahren wieder ausgepackt und weiterbearbeitet.

Auch der Tagesablauf sieht im Atelier des 25hours Hotel Langstrasse im Vergleich zum alltäglichen nicht wirklich anders aus und wird kaum beeinflusst. Der morgendlichen Routine folgen manchmal Besorgungen, bevor es ins Atelier geht. Bei Bedarf gibt es eine Pause, oft verbringt Oliver aber den gesamten Tag im Atelier bis es zum abendlichen Ausklang weiter geht: Entspannt im Hotelzimmer, in der Stadt oder bei Freunden.
Lediglich das Frühstück fällt deutlich intensiver aus als Zuhause, bekennt Oliver. In Zürich hat er sich dafür deutlich mehr Zeit genommen und den Tag entspannt starten lassen. Da er bereits zuvor in Zürich war und dort viele bestehende Kontakte hat, waren auch die Abende ganz typisch: Essen gehen, ausgehen, Freunde und Bekannte treffen.

In einem anderen, „fremden“ Atelier zu arbeiten bedeutet für Oliver keine Einschränkung. Vorhandenes Equipment wird benutzt und genutzt, fehlendes dazu besorgt, das wichtigste eigene wird mitgebracht. Man richtet sich nach und nach ein und macht das Atelier zu seinem eigenen.

Ungewöhnlich und sicherlich gewöhnungsbedürftig: Das Atelier ist von der Bar lediglich durch einen Vorhang getrennt gewesen. Die Musik und die Geräusche der Gäste hört man deutlich, je später der Abend, desto wirkungsvoller. Wann hat man diese Nähe zum Nachtleben schon im eigenen Atelier?

Wenn der Vorhang zu ist, kommt allerdings wirklich auch niemand rein – außer einmal Hotelmitarbeiter, die etwas erledigen müssen. Die konzentrierte Arbeit wird an dieser Stelle also nicht unterbrochen. Die Interaktion mit den Gästen ist generell aber besonders, die Begegnungen sind inspirierend. Viele der Gäste sind zeitlich sehr eingebunden und zu beschäftigt, um sich intensiv mit der Kunst auseinander zu setzen. Aber das Interesse ist da. Zwischendurch gab es einen „Tag der offenen Tür“, der von den Gästen gut angenommen wurde.
Inzwischen gibt es an Stelle des Vorhangs eine Glastür. Man kann in das Atelier gucken wie in eine Vitrine, eine Kunstbox und erhält einen Einblick in die ganz eigene Welt des Künstlers.

Das Atelier im 25hours Hotel Langstrasse ist für Oliver eine besondere Erfahrung gewesen. Eine vergleichbare Situation und die Möglichkeit auf ähnlicher Weise irgendwo zu arbeiten, kennt er nicht. Das Projekt zu wiederholen kommt für ihn definitiv in Frage. Auch, in anderen Städten oder in anderen Ateliers zu arbeiten. Solange es einen kleinen Freiraum für ihn gibt, in dem er sich ausbreiten und ausleben kann.

Das künstlerische Herz des 25hours Hotel Zürich Langstrasse ist das Hotel Atelier im Erdgeschoss. Es ist ein Arbeitsraum für internationale und nationale Kunstschaffende, die vor Ort für ihre Ausstellungen, Präsentationen oder Kollaborationen produzieren und vorbereiten. 12 bis 14 Wochen pro Jahr ist das Atelier im Hotel von Gastkünstlern belegt. Der Aufenthalt dauert von einer bis zu vier Wochen. Jeder Künstler hinterlässt dem Hotel am Ende seines Aufenthalts eines seiner Kunstwerke. Die Kunstsammlung kann im Hotel kostenfrei besucht werden. Das Atelier wird kuratiert und organisiert von Esther Eppstein, Künstlerin und Kuratorin aus Zürich.

Oliver Ross gestaltet Räume (Environments), entwirft Installationen, fertigt Objekte– oftmals im Spiel mit Licht – und Collagen an (Mikromalerei).  Er bricht mit Konformität und generellen Regeln, arbeitet oft mit gesteuertem Zufall und nutzt neben gängigen Farben beispielsweise auch Kaffee oder andere Materialien in seinen Werken.

www.ross-oliver.com

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