Jenseits des Erfolges

Ein Interview mit Bobby Dekeyser.

Er ist ein Mann, der alles erreicht hat – in Karriere­hinsicht. Und ein Mann, der alles haben könnte – im materiellen Sinn. Aber das meiste will er gar nicht. Oder nicht mehr. Bobby Dekeyser war Profifußballer und wurde Gründer der Outdoor­Möbelmarke Dedon. Ein self­made Multimillionär könnte man sagen. Warum materielle Dinge keine Wichtigkeit mehr haben, er eigentlich mal Spießer werden wollte und was aktuell sein größtes Anliegen ist, hat er COMPANION bei einem Kaffee in Berlin verraten.

COMPANION: Bobby, du wohnst in Hamburg, Berlin, New York und Ibiza, liest man ...
Bobby DEKEYSER: Sich auf einen Wohnort festzulegen, fällt mir schwer. Ich bin gern in Bewegung. Ich versuche, mich treiben zu lassen, und verliere mich auch ständig, entdecke dabei aber sehr viel Überraschendes. Aber was mir nach kurzer Zeit in der Stadt immer wieder fehlt, ist die Natur. Deswegen habe ich alle Wohnungen und Häuser verkauft, die ich in den Städten hatte, und lebe inzwischen auf Ibiza, in einem kleinen, abgeschiedenen Haus in den Bergen.

Du bist eine „Nomadenseele“, wie du selbst sagst, verkaufst aber mit deiner Firma Dedon Möbel, damit Menschen sich an einem Ort einrichten können. Wie passt das zusammen?
Es geht mir darum, Atmosphären zu schaffen. Ein Sehnsuchtsbild. Einen Ort, an dem Menschen zusammenkommen und sich wohlfühlen. Dedon macht zwar Möbel, aber eigentlich geht es darum, ein Lebensgefühl zu repräsentieren. „Tour du Monde“ ist der Titel unseres letzten Katalogs und das ist eigentlich genau mein Leben.

Du hast kein Büro und keine Sekretärin. Wie arbeitest du?
Ich habe einen Vorteil – und ich will nicht kokettieren –, ich kann gar nicht viel. Ich bin kein Spezialist. Ich bin kein Kaufmann, ich bin kein Designer, kein Philosoph. Aber ich kann Menschen vertrauen. Ich habe Ideen und Bilder und die versuche ich zu vermitteln, aber ich versuche nicht, Menschen zu motivieren, sondern zu erreichen, dass sie meine Vision auch fühlen. Jeder kann dazu beitragen. Wie in einem Orchester – ich kann die Musik gut beurteilen, einsetzen und loslassen. Und dann bin ich schon wieder dabei, das nächste Projekt anzugehen. Dadurch kann ich sehr viele Sachen machen, ohne operativ daran gebunden zu sein. Für meine Firma und meine Stiftung Dekeyser & Friends wäre es nicht hilfreich, wenn ich zu oft da bin, da ich Ideen ständig weiterentwickle. Das ist sehr hinderlich in der täglichen Arbeit.

Die Art und Weise, wie du dein Unternehmen im Jahr 1990 gegründet hast, würde man heute Start­up nennen. Welchen Tipp würdest du einem jungen Gründer geben?
Wie definierst du Erfolg? Ein Unternehmen zu haben? Geld zu haben? Das ist äußerer Erfolg. Aber was ist der innere Erfolg? Ich glaube, wenn jeder versucht, sich treu zu bleiben – und deswegen heißt meine Autobiografie auch „Unverkäuflich!“ –, dann ist das ein wahnsinnig anstrengender Prozess, aber du verlierst dich nicht. Ich rate jedem: Bleib bei dir.

Aber muss man nicht ein wenig mitspielen, damit das System funktioniert?
Ich war immer ein Rebell. Immer gegen den Strom. Weil ich viel Sehnsucht nach Freiheit in mir habe. Das mit dem Fußball war deswegen schwierig. Ich war erfolgreich, aber ich habe mich schrecklich gefühlt. Das war wie ein Gefängnis für mich.

Du hast dir das Gefängnis aber auch zum Teil selbst gebaut – mit krassen Trainingsplänen. War es dann nicht dein eigenes Gefängnis, aus dem du dich befreien musstest?
Ja, doch. Ich habe quasi keine Erziehung gehabt. Dafür Sträßenkämpfe als Zwölfjähriger. Meine Definition war das Körperliche. Und dann kam der Fußball – und ein Ziel war da. Und damit auch die Disziplin, aber die war künstlich, denn ich war nicht gut im Fußball. Nur durch meinen Willen kam ich relativ weit und konnte eine Zeitlang davon leben. Aber das war nicht ich.

Du bist nach wie vor das Gesicht der Firma Dedon und hast viele repräsentative Aufgaben, von denen du nicht alle abgeben kannst.
Nein, aber ich rede immer über die Stiftung. Über Menschen. Über die Philippinen. Meine Themen waren nie Möbel. Ich will nicht sagen, dass ich Robin Hood bin – aber eigentlich schon ein bisschen (lacht). Das Geld, das ich verdient habe, fließt in Stiftungen. Und hier in Berlin habe ich etwas ganz Großes vor, aber ich kann noch nichts Genaueres verraten. 

Kannst du uns trotzdem ein wenig mehr erzählen?
Dekeyser & Friends ist der Mantel, aber ein Thema, das niemanden kaltlassen kann, sind die Flüchtlinge. Es ist eine große Herausforderung für uns alle, wie wir damit umgehen wollen. Das macht mich sehr unruhig – nicht im negativen Sinn, aber es kann jetzt nicht nur beim Philosophieren bleiben. 

Wie hast du dich dem Thema angenähert?
Ich habe Leute kennengelernt. Vor allem in Hamburg. Menschen, die Flüchtlinge betreuen, und Flüchtlinge selbst. Ich habe mich mit ihnen zusammengesetzt, Puzzle gespielt, um zu fühlen und zu verstehen, was diese Menschen erlebt haben. Wie begegnet man jemandem, der seine Familie verloren oder zurückgelassen hat? Wir können das gar nicht nachvollziehen. Aber es ist gut, das zu lernen. Und wie kann man pragmatisch helfen? Aus meiner Sportler­ und Unternehmerzeit habe ich viele Kontakte, die alle etwas beitragen wollen, und ich habe finanzielle Möglichkeiten.

Und du kannst Aufmerksamkeit schaffen!
Ja, aber Aufmerksamkeit braucht man erst später. Man muss zuerst Inhalte schaffen. Ich halte mich medienmäßig zurück. Ich möchte nicht jeden Tag in einer Zeitung erscheinen. Eigentlich bräuchte ich mehr Zeit, aber wenn es geht, möchte ich schon im Frühjahr 2016 mit dem Projekt starten. Aber es ist so riesig, dass es einem fast schon Angst macht.

Wir sind gespannt auf das Projekt. Hattest du zu Beginn deiner Karriere jemals die Vision, dass du irgendwann so leben würdest, wie du es heute tust?
Grenzenlos zu sein, ja. Das war leicht. Aber ich wollte immer Spießer werden. Frau, zwei Kinder, Haus. Absicherung. Etwas Normales haben. Im Zuhause meiner Kindheit galt nur: Macht, was ihr wollt. Aber wenn du alle Möglichkeiten hast, suchst du dir selbst Grenzen.

 ... du hast ja noch 20 Jahre Zeit, um Spießer zu werden.
(lacht) Stimmt, aber langsam gebe ich es auf.

 Nach einer Verletzung auf dem Spielfeld gründet Bobby Dekeyser 1990 quasi noch im Krankenhaus die erfolgreiche Outdoor­Möbelmarke Dedon (dedon.de). Die Dekeyser & Friends Foundation setzt sich mit dem Compostela­Village­Projekt für nachhaltiges Wohnen durch landwirtschaftliche Innovation sowie für neue Bildungschancen auf den Philippinen ein. 

Bobby Dekeysers Autobiografie:
„Unverkäuflich!: Schulabbrecher, Fußballprofi, Weltunternehmer – die völlig verrückte Geschichte von Bobby Dekeyser”Ankerherz Verlag, 2012 - Auch erhältlich im mare Kiosk im 25hours Hotel HafenCity
EUR 29,90

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