Die Veteranen unter der Diskokugel

Mode, Musik und Weltläufigkeit der Disko-Ära faszinieren bis heute. DJ Nicky Siano stand damals hinter dem Mischpult, während Bill Bernstein im legendären Studio 54 als Fotograf unterwegs war. Im Gespräch führen die beiden Zeitzeugen COMPANION zurück zu Glitter, Glamour und Hedonismus.

Du kommst hier nicht rein. Immer wieder hörte Bill Bernstein diesen klassischen Satz des Türsteherjargons, als er versuchte, ins Studio 54 zu gelangen. Ironie des Schicksals also, dass Bill einmal zu einem der wichtigsten Chronisten des legendären Clubs wurde. Sein Debüt in den heiligen Hallen des Disko feierte der Fotograf zunächst während eines hochoffiziellen Events: 1977 war das, ein rauschendes Fest sollte die Mutter des damaligen Präsidenten Jimmy Carter ehren. Geladen war die New Yorker High Society, es gab ein Dinner, weiße Tischdecken, jede Menge Presse. Bill lichtete das Event für die Wochenzeitung "The Village Voice" ab - und versteckte sich nach dem Festmahl in einer Ecke des Clubs. 

Die hochkarätigen Dinnergäste verschwanden irgendwann und die Tanzfläche öffnete sich endlich für die eigentlichen Stammgäste des Studio 54: New Yorks Partyszene. "Ich habe an dem Abend alle Filmrollen vollgeknipst, die ich dabei hatte", erzählt Bill heute. Für ihn wurde der Abend zu einer Offenbarung - nicht nur als Fotografen. "Ich war Anhänger der Hippie-Bewegung", sagt er. "Mir war nie aufgefallen, dass auch bei den Hippies alles einem strikten Regelsystem unterworfen wurden: Man musste auf bestimmte Art und Weise aussehen, sich äußern und verhalten. Im Disko gab es das nicht. Dort waren die wirklich freien Leute unterwegs." 

New York City war in den ausgehenden 1970ern kein ungefährliches Pflaster. Die Kriminalitätsrate erreichte einen Höhepunkt, die öffentlichen Kassen waren leer, überforderte Politiker standen den Problemen der Stadt ratlos gegenüber. Ein Gefühl der Unsicherheit war nur allzu spürbar, die Ablehnung gegenüber Minderheiten wurde offen gelebt: "Man hätte damals am hellichten Tag nicht zu seiner Homosexualität stehen können", erzählt Nicky Siano. "Sie hätten einen in den Straßen New Yorks zerfleischt." 

Nicky ist in New York aufgewachsen und galt früh als aufstrebendes Wunderkind der Disko-Szene: Mit 16 Jahren schon spielte er seinen ersten Gig, schnell eilte ihm sein Ruf als bester DJ der Stadt voraus. Er spielte alternative Sounds aus dem musikalischen Underground, prägnanten Soul und Funk, bewegte sich weit jenseits des Mainstreams. Nach der Eröffnung des Studio 54 im April 1977 wurde Nicky von Clubbetreiber Steve Rebell als Resident engagiert. Anders als Fotograf Bill Bernstein, der die Clubs eher als Beobachter besuchte, war Nicky mittendrin. "Im Club konnten alle sein, wie sie wollten", sagt er. "Homo-, Bi- oder Transsexuell? Mit Fetisch? Kein Problem! Kamst du aus Lateinamerika? Warst schwarz? Kein Problem - dort brauchte keiner Angst haben."

Nicky und Bill kannten sich schon damals, pflegten aber keine tiefergehende Freundschaft. Heute aber erzählen die beiden häufig gemeinsam von einer Ära, die das Clubbing neu definierte, von impulsiven Looks, Sounds und Rhythmus. In Bills Bildern, von denen übrigens auch einige in der Monkey Bar im 25hours Hotel Bikini Berlin hängen, lässt sich seine Neugierde auf die Gestalten des New Yorker Undergrounds klar erkennen. Voller Faszination zeichnete er das Portät einer Szene, die enthemmt feiert - immer in dem Bewusstsein, dass am Ende der Nacht wieder das raue New York wartet. Exzess, knisternde Erotik und wilde Tanzszenen, gelebter Hedonismus. 

Eines von Bills berühmtesten Motiven zeigt ein Pärchen auf einer Schaukel: Er trägt nur eine knappe Hose und sitzt rittlings auf seiner Partnerin, die beiden schweben über den Köpfen der Tanzen, selbstvergessen und ekstatisch. Wie viele der von Bill portätierten Feiernden bemerken sie den Mann mit der Kamera überhaupt nicht. "Das waren andere Zeiten", sagt Bill. "Im Club hatten nicht alle ihre Handykameras dabei und ich als Fotograf gehörte einfach zum Club dazu." Ihm ist wichtig, zu verdeutlichen, dass die abgebildeten Menschen eben nicht für ihn posiert haben. "Die Besucher des Studio 54 hatten ihre Haltung und ihre Aura - ob ich dabei war oder nicht. Selbst Motive, die gestellt wirken, waren es nicht", sagt er. "Und wenn doch, dann nicht für meine Linse, sonden einzig und allein füreinander." 

So heftig und nachdrücklich sich New Yorks Disko-Bewegung gestaltete, so schnell war sie auch wieder vorbei. "Die Kommerzialisierung machte alles kaputt", sagt Nicky. "Es ging nur noch ums Geld, danach wurde von den Türstehern ausgesiebt. Man wollte einen Mythos kreieren - und vor allem noch mehr Millionen machen." Die Faszination für die glamouröse Welt auf den Dancefloors schlug in einen Hype um, und brannte sich letztlich selbst aus. Überarbeitete Musiker und extremer Drogenkonsum sind nur vereinzelte Schatten, die auch die schönste Diskokugel wirft. "Wir wussten, dass das alles ein Spiel mit dem Feuer sein kann", sagt Nicky. Im Eskapismus, den Parties und Rauschmittel boten, verlor man schnell die Bodenhaftung - vor allem als junger, gefeierter DJ. "Man muss auf sich achten und vor allem lernen, worauf es im Leben wirklich ankommt", sagt Nicky. "Die Menschen, die du liebst, und deine eigene Gesundheit." 

1980, nur drei Jahre nach der Eröffnung, schloss das Studio 54 seine Türen. Das Ende einer Ära war eingeläutet. Was allerdings rund um den Club geschah, was schon in den 1960ern begann und im folgenden Jahrzent Formen annahm, wirkt noch bis heute nach: Dass Menschen jeglicher sexueller Orientierung öffentlich und lautstark ihre Rechte einfordern, ist auch ein Verdienst der Disko-Ära, findet Bill. "Ich bin mir sicher, dass die starke Gemeinschaft und die Freiheit, die man in den Clubs erlebt hat, Mut gemacht hat", sagt er. Wenn Bill vor seinen Bildern steht und über die 70er spricht, merkt man ihm die Faszination noch immer an. "Es war eine besondere Zeit", sagt er. "Ihr Erbe spüren wir bis heute." 

nickysiano.com

billbernstein.com

Weitere Artikel

Mehr Infos

Hotelier mit Herz, 25 Stunden am Tag

Er lebt und liebt Hotels – und das eigentlich schon so lange er denken kann. Gleich nach seinem Abi fährt Christoph Hoffmann mit seinem besten Freund in einem Ford Fiesta durch Südfrankreich. In Èze sitzen sie in einer kleinen Pizzeria, schauen über die Dächer aufs Meer und schmieden Pläne. „Hier ein Hotel betreiben, das wär’s“ denken sie. Solche Träume haben viele in dem Alter. Allerdings werden die meisten dann nach so einem Trip Taxifahrer – und erzählen dann von verpassten Chancen und Träumen. Doch das kommt für Christoph nicht in Frage, er will mehr. Er packt lieber an, als zu nörgeln.

Mehr Infos

Bon Voyage

Wäre es nicht toll, von einer Reise nicht nur etwas Schönes mitzubringen — sondern auch etwas Schönes zu hinterlassen? Vom Beach Clean-up über Tiere retten bis zum Mitmachen bei archäologischen Ausgrabungen: Im Urlaub Gutes zu tun ist nicht umsonst ein Reisetrend – bei dem man gleich noch Kultur und Menschen intensiver kennenlernt.

Mehr Infos

Wann, wenn nicht jetzt?

Seit 19 Jahren betreiben die Berliner Elektropunks von Egotronic musikalischen Hedonismus, der zunehmend auch als politischer Aufschrei verstanden werden kann. Ihr neues Album “Ihr seid doch auch nicht besser” ist ein Höhepunkt dieser Entwicklung. Über die wegbrechende politische Mitte und die Notwendigkeit, neue Bündnisse einzugehen.

Mehr Infos

Hamburg’s Got Groove

Die kultige Hamburger Elbphilharmonie ist für ihre irre Akustik ebenso bekannt wie für ihr Programm, das traditionelle klassische Musik mit der Musik von Rockbands, Festivals und Jazz - wie z. B. die skandinavische Pianoband Rymden - miteinander verwebt. Anlässlich des Konzertes dieser Band trafen wir das Jazztrio in der „Elphi“, wo wir tief in die Geschichte der Konzerthalle eintauchten und - neben anderen Fragen - überlegten, ob Jazz die klassische Musik des 21. Jahrhunderts ist.

Mehr Infos

Der Schweizer Tausendsassa

Dieter Meier ist jemand, den man ohne Übertreibung als musikalische Legende bezeichnen kann. Mit der Band Yello wurde der Schweizer gemeinsam mit seinem Kollegen Boris Blank in den 80ern weltbekannt. Der Sound ihrer Hits wie „Oh Yeah“ und „The Race“? Neu und experimentell, elektronisch, ein wenig gaga und dank Dieters tiefer Stimme unter die Haut gehend. Bis heute treten Yello auf. Die Musik ist dabei längst nicht Dieters einziger Ausdruck: Der Nobelmann und vermutlich best angezogene Rebell Zürichs, der sich seine Zeit eine Weile sogar als Berufspokerspieler verdingte, begann ab den späten 60ern, als Performance- und Konzeptkünstler zu arbeiten. 1972 nahm er an der Documenta 5 in Kassel teil. Auch als kreativer Unternehmer und Investor hat Dieter seine Finger überall mit im Spiel. Seine große Leidenschaft ist aber die Welt der Kulinarik und Natur und insofern seine Farm in Argentinien, wo er unter anderem Wein anbaut, Rinder züchtet und viel Zeit verbringt. Produkte aus seiner zweiten Heimat tischt er in seinen Restaurants auf — natürlich ist der Tausendsassa auch Gastronom. Gerade hat er außerdem eine Schokoladenmanufaktur hochgezogen. Irgendwo zwischen seinen vielen Projekten hat sich Dieter einen Moment Zeit genommen, COMPANION’s Questionnaire zu beantworten.

Mehr Infos

Schaffung eines Kultlabels

Alles begann mit einem bescheidenen Musiklabel und ein paar Jeans. Seit seinen Anfängen im Jahr 2002, hat sich der „Purveyor of cool” zu einer kultigen Modemarke und einem Kult-Music-Label mit Coffee-Shops in Paris und Tokio gemausert. Wie war eine solche Entwicklung möglich? Mitbegründer Gildas Loaëc ließ COMPANION wissen, wie er eklektische und klassische Elemente ausfindig macht, um in diesen schnelllebigen Branchen die nötige Frische zu bewahren.


back to
top
now we are talking.

Besondere Einblicke in die Welt von 25hours und lokale News – hier anmelden!