Little Tokyo

Rund ein Fünftel aller Japaner in Deutschland leben in und um Düsseldorf herum. Kein Wunder, dass die Metropolregion auch von der japanischen Kultur geprägt ist.

Auf dem Tisch sieht es aus, als hätte eine Miniaturbombe eingeschlagen: Unzählige kleine Tellerchen und Tässchen, kaum größer als bei einem handelsüblichen Puppenservice, bedecken fast jeden Millimeter der Tischplatte. Auf ebenso kleinen Hockern sitzt hingegen eine Handvoll ausgewachsener Erwachsener – und die spielen nicht mit Puppen. Hier im ANMO Space in einer ruhigen Querstraße der trubeligen Immermannstraße in Düsseldorfs Zentrum findet gerade eine japanische Teeprobe statt. Und die interessierten Gäste schlürfen sich fröhlich durch das Sortiment aus milden und herben grünen Tees, genauso wie durch Spezialitäten des süßlich-herben Teepulvers Matcha oder des erdig schmeckenden Pu-Erh-Tees.

Die Stimmung ist ungezwungen und heiter, was im Kontext Teeverkostung gar nicht mal so gewöhnlich ist. „Tee ist ursprünglich über China nach Japan gekommen und hat dort mittlerweile eine über tausend Jahre alte Tradition“, erzählt Motoko Dobashi. In klassischen japanischen Teezeremonien gebe es strenge Regeln und Hierarchien. „Wir sehen das etwas lockerer und wollen, dass unsere Kunden auch zu Hause entspannt ihren Tee genießen können“, sagt die Japanerin. „Bei uns lernen sie die Vielfalt und Besonderheiten von Tee kennen. Und die Kunden sind sehr interessiert an der Teekultur. Für viele ist das ein ganz neues Feld. Wir merken, dass die Wertschätzung gegenüber Tee steigt.“

Neben der Teeselektion aus Japan und China gibt es bei ANMO, 2017 gemeinsam gegründet von Motoko und Anna Friedel, auch eine große Auswahl handgefertigter alter und neuer Keramiken, ein kleines Sortiment an modernen Kimonos und Modeaccessoires sowie: „Kunst“, erklärt Anna fröhlich. „Als wir den Laden eröffneten, war uns klar, dass wir neben dem Shop auch eine Galerie mit wechselnden Ausstellungen sein wollen. Japanisch zu sein, ist für die Künstler aber kein Muss“, sagt Anna und lacht. Sie und Motoko sind beide auch Künstlerinnen, die Idee zur Integration einer Galerie lag also nahe. Kennengelernt haben sich die Freundinnen während des Studiums in München. Bald reisten sie zusammen nach Japan und Hongkong. Für die japanische Kultur konnte sich Anna schon früh begeistern. Sie macht seit Jahren asiatische Kampfkunst als Leistungssport. „Die Philosophie und Kultur, die dahinterstehen, lassen sich da gar nicht ausschließen“, findet sie.

Anna war vor ein paar Jahren „der Liebe wegen“ nach Düsseldorf gezogen. Ihre Freundin Motoko, die in Berlin lebte, musste sie erst davon überzeugen, mit ihrer Familie ins Rheinland zu kommen. „Für die Kinder ist das doch auch schön, die japanische Kultur kennenzulernen“, findet Anna. Und das können sie in Deutschland eben nirgendwo besser als in Düsseldorf – Nippon am Rhein. Intensive Handelsbeziehungen zwischen Deutschland und Japan gab es schon im 19. Jahrhundert. Nach dem Zweiten Weltkrieg festigten sich insbesondere die Verbindungen zum Rhein- und Ruhrland, wo das kriegszerstörte Japan dringend benötigtes Stahl und chemische Erzeugnisse für den Wiederaufbau fand. Das zentral gelegene Düsseldorf bot sich als Handelszentrum an und so ließen sich dort ab den 1950er-Jahren vermehrt japanische Unternehmen nieder. Mittlerweile sind es in Düsseldorf rund 200 Firmen, im Großraum sogar knapp 500, die für die Region ein nicht unbedeutender Wirtschaftsfaktor sind.

Kein Wunder, dass die japanische Community hier so groß ist. In Düsseldorf leben rund 6500 Japaner. Das sind zwar im Vergleich zu anderen Minderheiten in der Stadt gar nicht mal so viele. Dennoch prägt die japanische Kultur das Stadtleben stark. Insbesondere das Quartier zwischen Hauptbahnhof und Altstadt rund um die Immermannstraße ist als „Little Tokyo“ auch über die Stadtgrenzen hinaus bekannt – sogar auf Google Maps wird das Viertel so angepriesen. Zwischen Karaoke-Bars, Keramikgeschäften, Galerien, japanischen Sportvereinen und Ärztehäusern hat sich hier das passende kulinarische Angebot für Locals und Touristen etabliert. Mal abgesehen von den vielen asiatischen Supermärkten, die bei allen Düsseldorfern sehr beliebt sind, wird gerade die Dichte an hervorragenden Restaurants immer wieder gelobt.

Während im Rest von Deutschland japanische Küche immer noch mit Sushi gleichgesetzt wird, weiß man in Düsseldorf, dass der aus über 7000 Inseln bestehende Staat weit mehr zu bieten hat. Neben japanischen Bäckereien und Geschäften, wo es Snacks wie die gefüllten Reisbällchen „Onigiri“ gibt, finden sich im Quartier auch noble „Omakase“-Restaurants wie das Nagaya. Ähnlich wie bei einer Teezeremonie besteht ein Omakase-Menü aus einer festgelegten Abfolge von mehreren Gängen. Der Gast wählt hier nicht das, was er mag, sondern legt die Entscheidung in die Hände des Sushi-Meisters – und bringt damit auch Respekt gegenüber dem Koch zum Ausdruck. Essen nach dem Prinzip der Höflichkeit also.

Gerade Ramen, eine herzhafte und vergleichsweise günstige Nudelsuppe, ist auf der Immermannstraße besonders beliebt. Vor den unzähligen Suppenküchen bilden sich in „Little Tokyo“ oft lange Schlangen. So auch vor Takumi: Der kleine Laden mit dem gemütlichen Holzmobiliar, den Speisekarten mit japanischen Schriftzeichen an den Wänden und der offenen Küche scheint zu jeder Zeit des Tages aus allen Poren zu dampfen. Der Duft kräftiger Brühen durchtränkt die Luft, während die Gäste im rappelvollen Laden genüsslich aus ihren Schüsseln löffeln, die neben den frischen Nudeln mal mit Hühner- oder Rindfleisch, Schweinebauch, Seetang, Chinakohl und Pilzen oder mit einem halben Ei getoppt werden. Zum Nachtisch gibt es Eis mit Sesam- oder Matcha-Geschmack.

Das japanische Leben der Stadt beschränkt sich allerdings nicht nur auf die Fressmeile der Immermannstraße. Mit dem EKŌ-Haus liegt ein wichtiger kultureller Hotspot etwas abseits in Niederkassel, einem Wohnviertel, wo viele Japaner leben und sich übrigens auch die japanische Schule befindet. Das EKŌ-Haus bietet Veranstaltungen zur im Buddhismus verwurzelten Kultur an und stellt die traditionelle Lebensweise der Japaner vor. Neben Sprachkursen werden beispielsweise auch Kurse in Kalligrafie, japanischem Tanz oder Ikebana, der Blumensteckkunst, angeboten. Ein Besuch lohnt sich allein, um in der hauseigenen Bibliothek zu schmökern oder einen Blick auf das goldverzierte Innere des angeschlossenen Tempels zu werfen. Es ist wohlgemerkt der einzige japanische Tempel der Jōdo-Shinshū in Europa, einer der größten japanischen Schulen des Buddhismus. Vor allem im Frühjahr und Sommer lockt der kleine Tempelgarten im japanischen Stil.

Mit den traditionellen Lehren oder dem Tempelleben hat man als Japaner in Düsseldorf aber nicht unbedingt zu tun. „Japan findet überwiegend zu Hause statt“, erzählt Yuta Maruyama, als er in Annas und Motokos Teesalon vorbeischneit. Yuta kam als Kleinkind nach Düsseldorf und ist hier aufgewachsen. „Zu Hause wird Japanisch gesprochen und gegessen. Als Kind habe ich japanische Kinderbücher gelesen und Serien geschaut“, erzählt er. Mit der Community ist Yuta allerdings erst als Teenager in Kontakt gekommen. „Das liegt nicht unbedingt daran, dass die Gemeinschaft so verschlossen wäre. Allerdings bleiben viele Japaner nur für drei bis vier Jahre in Düsseldorf, meist wegen der Arbeit des Vaters“, sagt Yuta. „Die wissen dann schon bei der Ankunft das genaue Datum der Abreise. Die Kinder besuchen die japanische Schule, um den Anschluss nicht zu verpassen, wenn sie zurückkehren. Da fällt es schwer, Kontakte zu knüpfen.“

Yuta hat erst über seine ältere Schwester ein paar japanische Freunde kennengelernt und mit ihnen angefangen, sich auch für die japanische Popkultur zu begeistern. „Es ist schön, die Kultur der Wurzeln mit Freunden teilen zu können“, sagt er heute. Yuta hat übrigens einen besonders spannenden Beruf: Er ist Zauberer! Ein Kartendeck hat er immer dabei und so stellt der junge Mann sein Können direkt unter Beweis. Es ist eine wahre Freude, ihm dabei zuzuschauen, wie er die Karten durch die Luft wirbeln, sie geschickt verschwinden und wieder auftauchen lässt. „Typisch japanisch ist der Beruf nicht“, sagt Yuta und lacht. „Aber tatsächlich spielt man in Japan recht viel mit Karten. Während bei Freunden früher der Fernseher lief, haben wir an Familienabenden Karten gespielt.“

Mit der japanischen Community ist auch Michiko Shida lange nicht in Berührung gekommen. „Mittlerweile hat sich einiges verändert, über Social Media ist das heute viel einfacher“, sagt sie. Michiko ist vor über 20 Jahren als 18-Jährige nach Düsseldorf gekommen – ganz zufällig, nachdem ihr ein Bekannter die Stadt empfohlen hatte – und geblieben. Anfangs arbeitete sie in der Gastronomie, baute sich einen internationalen und kunstaffinen Freundeskreis auf. Dann absolvierte sie eine Ausbildung zur Keramikerin. „Dafür habe ich mich schon immer interessiert“, sagt Michiko. „In Japan ist die Töpferkunst recht verbreitet, man wächst praktisch damit auf.“ Das Töpfern lernte sie dann trotzdem ausgerechnet bei einem deutschen Keramikmeister. „Und der war auch noch inspiriert vom griechischen Stil“, sagt Michiko lachend, während sie in ihrem lichtdurchfluteten Atelier an der Töpferscheibe einen Becher dreht.

Trotzdem sind ihre Schüsseln, Tassen und Teller, die sie seit 2009 unter eigenem Namen verkauft und die hier in einem hellen Holzregal bis an die Decke gestapelt liegen, „im Herzen japanisch“. Vielleicht weil die Formen auf das Wesentliche reduziert wurden und die Dessins keine wilden Musterungen zeigen, sondern alles in zurückhaltenden Farben gebrannt wurde. Michikos Keramik gibt es übrigens auch im Laden von Anna und Motoko zu kaufen. Irgendwie kennt sich in Düsseldorfs Japanwelt am Ende nämlich doch jeder.

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