Sinneswandel in Frankfurt

Agents of Change.

Kaum ein Stadtviertel in Deutschland steht mehr für den Wandel als das Bahnhofsviertel in Frankfurt. Nicht erst seit Jürgen Tellers Fotoreportage im Jahr 2013 hat sich die einstige Durchganspforte zur Innenstadt zum „place to be“ gemausert, zum beliebten Ausgehviertel, das kosmopolitisch, schrill und laut ist.
Martina Lenhardt von der Agentur Vier für Texas, Nuri Romanus, Inhaber der Bar Pracht und Michael Wagener vom gutleutVerlag gestalten das Bahnhofsviertel aktiv mit. Wie beurteilen die Szenekenner den Wandel des angesagten Viertels?

Martina Lenhardt, Vier für Texas
„Bei aller Hipness, das Bahnhofsviertel ist ein raues Pflaster, das ich gar nicht romantisieren möchte“. Martina Lenhardt hat in Frankfurt studiert, viele Jahre im angrenzenden GallusViertel gelebt. Das Bahnhofsviertel kennt und liebt sie. Mit dem Fahrrad fährt sie, die als Konzepterin und Texterin in der Werbeagentur „Vier für Texas“ arbeitet, jeden Morgen in die Taunusstraße und damit mitten in das berüchtigte Rotlichtviertel. In einem Hinterhaus mit Industriecharme befinden sich die loftartigen Agenturräume. Der Lärm von der Taunusstraße, wo Polizeirazzien zum Alltag gehören, so auch an diesem Morgen, dringt erstaunlich gedämpft nach oben in die vierte Etage. Wie viel bekommt das Team vom Geschehen da draußen mit? „Viel“, grundsätzlich aber bleibe jeder in seiner eigenen Welt. Doch: „An den Bordellen und Drückerstuben“, so betont Martina, „fährt man nicht einfach vorbei.“
Irgendwann beginnt man, sich für die koexistierenden Halbund Unterwelten näher zu interessieren und wer dann genau hinschaue, könne wahre Wunderwelten, wie jene Freimaurerloge in der Kaiserstraße entdecken.
Weniger glamourös geht es in den Nachbarläden der Agentur zu. Für Martina gehören gerade diese Nippes und Eineuroläden zum Viertel. Eine Ecke weiter versammelt sich die angehende Kunstszene im Café „Plank“. Hier hat Frankfurt MetropolCharakter.
Wie lange noch? Die Sanierung der Altbauten hat vielschichtige Prozesse in Gang gesetzt, das weiß auch Martina. Gemeinsam mit Oskar Mahler vom Gewerbeverein Bahnhofsviertel betreibt „Vier für Texas“ im Auftrag der Stadt Frankfurt die Onlineplattform „Frankfurter BahnhofsviertelGuide“, das seine Leser sowohl informiert als auch hinter die Kulissen des Viertels schauen lässt. Eine andere Seite des Viertels wolle man damit zeigen, negative Schlagzeilen in positive umwandeln, einen langsamen Wandel bewirken, so eine Mitarbeiterin des Wirtschaftsdezernats. Doch wie real kommt man an die Menschen aus dem Milieu überhaupt heran und drohen einige Orte, über die berichtet wird, nicht gerade zu verschwinden? Diese Bedrohung sei real, sagt Martina: „Die Aufwertung des Viertels durch politische Stadtbildungsmaßnahmen und durch die Ansiedlung der Kreativszene gehen hier Hand in Hand – auch wenn sie teilweise nichts voneinander wissen möchten. Diese und andere Prozesse sind seit vielen Jahren bereits im Viertel aktiv“.

Nuri Romanus, Bar Pracht
Nuri Romanus betreibt eine der neuen Trendbars im Bahnhofsviertel. Vor rund einem halben Jahr eröffnete er das Pracht in der Niddastraße 54. Der Laden ist eine sympathische Mischung aus Café, Mittagsküche und Bar. Serviert wird am Abend Bier statt Cocktails. Die Getränkeauswahl passt zur ungezwungenen Art des Wiesbadeners mit aramäischen Wurzeln, der mit seinen Gästen schnell per Du ist. In der Partyszene ist Nuri längst kein Unbekannter mehr. In der Animierbar Pik Dame, eine Institution des Bahnhofsviertels, veranstaltet er beispielsweise regelmäßig die Partyreihe Spielektro . Am liebsten steht er als DJ selbst hinter dem Plattenteller, ab und an auch im Pracht.
Der quirlige Gastronom probiert gerne immer wieder Neues aus. Schon früh lockte ihn, der ursprünglich Schreiner werden wollte, die Modewelt. Mit 19 eröffnete er eine Modelschule, veranstaltete Modeschauen und organisierte eine AidsGala, die keine geringere als TVStar Lilo Wanders moderierte. Auch in der GastroSzene Wiesbadens hat er eigene Akzente gesetzt. Und nun also in Frankfurt. „Wir sind hier momentan der neue HotSpot in Sachen Ausgehen“, sagt er euphorisch. „Alles hat sich sehr verändert, länger schon – alles wirkt gepimpter“. Nur nicht zu angepasst, lautet Nuris eigenes Motto. Es zieht sich gleichsam durch seine Bar Pracht, mit all deren Stilbrüchen im Design. So soll ein neu hinzugekommener Partyraum künftig immer wieder umgestaltet werden. In der kleinen Küche des Pracht sitzt man bereits jetzt gemütlich wie bei Muttern – von Holztischen aus schaut man dem Koch bei der Essenszubereitung zu. Das Familiäre ist es, was Nuri an seinem Viertel schätzt: „Die Szene ist klein, man kennt, schätzt und hilft sich gegenseitig.“

Michael Wagener, gutleut Verlag
Bücher reihen sich Titel an Titel in raumhohen Regalen, ordentlich gestapelt findet man sie auf einer Ablage liegen. An den Wänden überall Kunst, viele Zeichnungen und kleine Objekte, arrangiert hat diese Kuriositäten der Künstler Burkhard Blümlein. Michael Wageners Wohnung ist ein Mikrokosmos seiner vielen Aktivitäten. In gebündelter Form bildet sich hier die ganze Betriebsamkeit des Künstlers, Verlegers, Kurators und Gestalters ab. Noch in diesem Jahr will er seine Verlags und Wohnräume in der Kaiserstraße für Kunstausstellungen öffnen. Damit soll der gutleut 15 Ausstellungsraum reaktiviert werden, der vor einigen Jahren in der Gutleutstraße schließen musste. Die Erhöhung von Mietpreisen in Frankfurt, die Schrumpfung bezahlbarer Räume, beides hat der inzwischen 48jährige Verleger am eigenen Leib zu spüren bekommen. Über die Entwicklung des Bahnhofviertels ist er, der seit rund 20 Jahren hier wohnt und arbeitet, nicht glücklich. Wohnen könne man zwar noch immer gut im Bahnhofsviertel, so Wagener, den so schnell nichts aus der Ruhe bringen kann. Die Lebensqualität aber habe stark abgenommen: zu laut, zu teuer wäre das Viertel inzwischen für ihn und für die meisten der rund 2.000 Anwohner. Noch bis vor kurzem habe er seine Nachbarn alle persönlich gekannt. Das sei nun anders, sagt Wagner. Er denkt ans Weggehen. Was würde er sich für das BHFViertel wünschen? „Ich wünsche mir, dass die Vielfalt des Viertels erhalten bleibt, dazu muss auch wieder mehr kulturell möglich sein.
Die Infrastruktur lässt ebenso zu wünschen übrig, da wird nur an die Touristen gedacht – wir haben gefühlt siebzehn Bäckereien, aber keinen einzigen guten Supermarkt.“

Dieses Portrait ist Teil einer Kollaboration mit dem Onlinemagazin Freunde von Freunden.

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