Frankfurt für Foodies

Mit James Ardinast unterwegs in Frankfurt - über Essen und Musik.

James Ardinast kommt zu spät. Kein Parkplatz weit und breit, im ganzen Bahnhofsviertel nicht. Vielleicht wünscht er sich in solchen Momenten, das Quartier wäre ein ganz kleines bisschen weniger angesagt, wobei der 44-jährige Gastronom an dieser Entwicklung nicht unschuldig ist. Seit fast 15 Jahren rührt er mit diversen Projekten in den Töpfen der Stadt mit – zum Beispiel mit dem orientalischen Restaurant Chez Ima im 25hours Hotel by Levi’s Frankfurt. James stammt aus einer Gastronomenfamilie – gebürtiger Frankfurter, Sohn israelisch-amerikanischer Eltern. „Mein Opa hat immer gesagt, solange er lebt, geht niemand in die Gastronomie.“ Richtig gut geklappt hat das mit dem Verbot nicht. Zum Glück. Für COMPANION führt uns James zu seinen Lieblingsplätzen und den neuesten Spots der Stadt.

 Deli Deluxe - maxieeisen.com
Wir beginnen unseren kulinarischen Rundgang im Maxie Eisen, einem der vielen gastronomischen Projekte von James Ardinast, etwa zehn Fußminuten vom 25hours Hotel by Levi’s Frankfurt entfernt. Auf der Karte der „Buvette“, die James mit seinem Bruder David betreibt, stehen Pastrami, Pulled Pork, Tuna Melt und Chicken Wings, an der Wand spielt eine Fototapete Côte d’Azur. Draußen auf der trubeligen Münchener Straße rumpelt die Straßenbahn über das Pflaster, vorbei an bodentiefen Fenstern, hinter denen der bärtige Kellner mit Wollmütze hausgemachte Limonade serviert. Man kann hier gut einen ganzen Nachmittag sitzen, sich vom bunten Treiben vor den Scheiben unterhalten lassen und dann am Abend an die Bar im Nebenraum umziehen. Das Deli-Konzept, sagt James Ardinast, sei ein Versuch, seine eigene familiäre Vergangenheit zu zitieren, verschiedene Einflüsse miteinander zu verbinden. Die innovative Gastronomie habe in Frankfurt lange brach gelegen. „Aber das wandelt sich gerade enorm.“ Dann steht er auf und stürzt zur Tür heraus – gegenüber ist ein Parkplatz frei geworden.

Ein Super Markt - bellaundrosa.de
Eine ganz neue Perle des Bahnhofsviertels ist leicht zu übersehen. Vom Maxie Eisen geht es links die Münchener Straße herunter bis zur Hausnummer 12 und dann nicht das Tor zum Hinterhof verpassen, in dem sich eine Oase auftut. Das Bella & Rosa ist eine Art Bio-Tante-Emma-Laden mit Café, das mit Bauern aus der Gegend zusammenarbeitet. Lose Nüsse werden in Stoffbeutel verpackt, das Mittagsmenü gibt es in wiederverwendbaren Blechdosen zum Mitnehmen. „Wir lieben das Viertel“, sagt die Betreiberin Katja Gleiß, auf einem Blechhocker im Freien sitzend, während James neben ihr seine Zähne in einen Elstar-Apfel gräbt. „Wir wollten hier einfach in der Qualität einkaufen können, die wir uns für unsere Familien wünschen.“ Der kleine Laden kooperiert mit dem Club Michel im Vorderhaus. Die Köche kaufen bei Bella & Rosa ein. Was übrig bleibt, wird am nächsten Tag zum Mittagstisch verarbeitet. „Es ist ein Kreislauf zwischen beiden Läden“, sagt Katja.

Pizza & Smileys - Montana-pizzeria.de
In einem Seitenarm des Bahnhofsviertels, die Münchener Straße zurück in Richtung Hauptbahnhof und dann rechts in die Weserstraße, liegt schräg gegenüber vom Maxie Eisen die Pizzeria Montana. Spoileralarm: Es gibt hier keinen „free coffee“. Denn bei dem Schild über der Tür, das den Gratis-Kaffee in Aussicht stellt, handelt es sich um ein recyceltes Werk des Künstlers Tobias Rehberger. Drinnen zieht sich ein langer Tisch mit Hockern durch den schlauchförmigen Raum, dazu Lochblech auf schwarz gestrichenen Wänden. An der Stirnseite der offenen Küche gart die Pizza im Schlund eines original neapolitanischen Pizzaofens, zum Smiley lackiert. „450 Grad“, sagt einer der Bäcker, auf dessen Bauch der Claim des Ladens prangt: „You are always hungry – get used to it.“ Oder bestell was. James wählt den Klassiker, „Königin Margherita“. Innerhalb von 60 Sekunden ist sie gar. Hauchdünner Boden, der Belag hat ein Aroma zum Niederknien. Mitnehmen könnte man die nahezu Fahrradreifen-große Pizza, aber wer will das schon? Frisch aus dem Ofen schmeckt sie am besten.

Exzellent Gemixt - ampyourself.de
Am Ende der Münchener Straße, im Amp, das man zu Fuß in knapp fünf Minuten erreicht hat, ist am Nachmittag noch nicht viel los. Das Lokal ist eine Art letzte Ausgeh-Bastion auf der Grenze zum Bankenviertel, dessen Hochhäuser hinter den Baumkronen des Anlagenrings in den Himmel ragen. Am Boden, am Rand der Gallusanlage, tropfen Beats aus Boxen in den dunklen Innenraum, möbliert mit neonfarbenem Stahlrohr – futuristisch, minimalistisch, clean. Eine Spiegelskulptur von Tobias Rehberger ersetzt die Discokugel an der Decke. Die Café-Bar ist das jüngste Werk von DJ Ata, einer Legende des Frankfurter Nachtlebens, dem auch der Club Michel gehört – um nur ein weiteres Beispiel zu nennen. In den vergangenen Jahren hat Ata angefangen, sich immer mehr für Gastronomie zu interessieren. „Er wird zitiert mit dem Satz: ,Essengehen ist das neue Ausgehen‘“, sagt James. Wahrscheinlich hat er recht.

Mehr als Brunch - badias.de/#schirn_cafe
Wir verlassen das Bahnhofsviertel und laufen über den Willy-Brandt-Platz und den Römerberg bis zum Schirn Café, wo Badia in schweren Arbeitsstiefeln und Chanel-Ohrringen um die Tische wirbelt. Eine Hochzeitsgesellschaft hat sich angekündigt. James und Badia kennen sich, seit sie in seinem ersten Frankfurter Lokal in der Innenstadt gekellnert hat. Vor ein paar Jahren fing sie selbst mit Catering an und nach ihrem letzten Pop-up-Sunday-Brunch im Museumscafé fragte man sie, ob sie das Lokal nicht einfach übernehmen wolle. „Das große Schiff? No way!“ Das jedenfalls habe sie am Anfang gesagt. Badia lacht – eine herzliche, freundliche, bezaubernde Person und Mutter von drei Söhnen. Später hat sie dann doch zugesagt, erzählt sie, während sie den Tisch belädt: mit Pancakes, Salat, Merguez in Tomatensoße mit Avocados und Ei. Sie strahlt und flitzt zurück in die Küche. „Die Frankfurter Gastronomen sind hungrig“, sagt James. „Die Leute hier haben Bock, was zu machen – und sie machen’s einfach.“

Raum für Kunst - kvfm.de
Wer Zeit hat, läuft über den Römerberg hinunter zum Main, biegt am Wasser links ab und schlendert den Fluss entlang bis zur Europäischen Zentralbank. Ist man mit James unterwegs, dauert der Spaziergang etwas länger, weil er unterwegs immer wieder begrüßt, geherzt und nach Ausgehtipps gefragt wird. Das hat zum Teil damit zu tun, dass in der Frankfurter (Gastronomie-)Szene jeder jeden kennt, vor allem aber mit James selbst. Am Fuß des neuen Bankgebäudes hat die Stadt Basketballfelder und einen Skatepark errichtet. Lassen Sie das schicke Restaurant Oosten links liegen. Stattdessen läuft man weiter bis zum Brückenpfeiler der Honsellbrücke, wo die Familie Montez eine neue Bleibe gefunden hat. Das Künstlerkollektiv ist eine Frankfurter Institution. Dass es inzwischen eine neue Unterkunft im Ostend gefunden hat, ist der Partei Bündins 90/Die Grünen zu verdanken, die sich dafür eingesetzt haben, dass der Raum dem Kollektiv überlassen wird – mietfrei, allerdings: ohne Strom, ohne Wasser, ohne alles. Einen Veranstaltungsplan gibt es nicht, dafür Kaffee und Kuchen unterm Betongewölbe. Wer Lust hat, macht Musik, die anderen fläzen sich auf die zusammengewürftelten Sitzmöbel, betrachten die Kunstwerke im Ausstellungsraum und alle zusammen freuen sich darüber, dass es am Rande der Bankenstadt noch Orte wie diesen gibt.

Bar zu Club - facebook.com/lanok.organisierte.aufregung
James muss sich verabschieden. Der Flieger nach Berlin, wo er weitere Lokale betreibt, geht in ein paar Stunden. Schade. „Das Concord“, mailt er später seinen letzten Tipp hinterher, „war eigentlich mal als klassische Bar gedacht.“ Er erklärt, dass die Betreiber, Henok und Sebastian, während der Umbauphase dann aber die Idee entwickelt hatten, das Konzept in Richtung Club-Bar zu erweitern. Im Moment ist der Laden nur zwei-, dreimal pro Woche geöffnet, an den übrigen Tagen wird weiter umgebaut, wodurch sich das Erscheinungsbild immer wieder wandelt. Und weil fast ausschließlich lokale DJ-Größen verschiedener Genres auflegen, bekommt man dort einen guten Überblick über die Frankfurter DJ-Szene, weiß James und fügt zum Abschied noch hinzu: „Auf ein baldiges Wiedersehen in unserer kleinen Großstadt.“

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