Hamburg’s Got Groove

Die kultige Hamburger Elbphilharmonie ist für ihre irre Akustik ebenso bekannt wie für ihr Programm, das traditionelle klassische Musik mit der Musik von Rockbands, Festivals und Jazz - wie z. B. die skandinavische Pianoband Rymden - miteinander verwebt. Anlässlich des Konzertes dieser Band trafen wir das Jazztrio in der „Elphi“, wo wir tief in die Geschichte der Konzerthalle eintauchten und - neben anderen Fragen - überlegten, ob Jazz die klassische Musik des 21. Jahrhunderts ist.

Es ist ein ungewöhnlich warmer Nachmittag im Februar und die Zuschauerterrasse der Hamburger Elbphilharmonie wimmelt nur so von Zuschauern. Die öffentlich zugängliche Plaza - die einen 360-Grad-Blick auf Deutschlands zweitgrößte Stadt bietet — zählt bereits mehr als eine halbe Million Gäste, seitdem sie im November 2016 eröffnet wurde. Die beiden Auftritte dieses Abends - die Avantgarde-Musikerin Laurie Anderson in der Konzerthalle und die Jazz-Supergruppe Rymden in der Großen Halle — sind bereits ausverkauft.Angesichts der Szenerie ist es nur schwer vorstellbar, dass die von Herzog & de Meuron entworfene Konzerthalle einmal umstritten war. Aber im Jahr 2010, als der ursprünglich vorgesehene Eröffnungstermin verschoben wurde und die Kosten von zunächst geplanten 186 Millionen auf geschätzte 323 Millionen angeschwollen waren (die Endkosten betrugen schließlich gigantische 798 Millionen), ging die öffentliche Zustimmung für das Projekt auf ein Allzeittief zurück. Es handelte sich nicht nur um das finanzielle Missmanagement der Stadt, das die lokale Bevölkerung irritierte; für zahlreiche Menschen war die Elbphilharmonie zu einem Symbol des Elitedenkens geworden - ein Ort, finanziert von Steuerzahlern zugunsten weniger Reicher. 

Neun Jahre später gibt es keine Spur mehr von Widerspruch. Das Gebäude wurde nicht nur in der Presse gefeiert; es hat sich darüber hinaus auch als kommerzieller Erfolg erwiesen. Das Ergebnis ist nicht nur dem Gebäude allein geschuldet. Unter der Leitung des Intendanten Christoph Lieben-Seutter umspannt das Programm der Elbphilharmonie eine Melange unterschiedlicher Genres - von Singer-Songwriters und Rockbands über Pop-Acts bis hin zu traditionellen Volksmusikern.

Die Elbphilharmonie ist auch auf andere Gruppen in Hamburg zugegangen, die ansonsten vielleicht einen großen Bogen um die Konzerthalle gemacht hätten. So wurde 2017 ein Festival für syrische Musik veranstaltet und seit 2016 war sie Schauplatz des städteweiten Reeperbahn-Festivals, ein Mekka für junge Indiefans.

Diese Herangehensweise wird an Veranstaltungsorten in ganz Europa immer häufiger umgesetzt: „Man findet zahlreiche Konzerthäuser, die dieselbe Strategie anwenden, von Müpa in Budapest bis zur Philharmonie de Paris, vom Barbican in London bis zum BOZAR in Brüssel“, sagt Tom Schulz, ein Sprecher der Elbphilharmonie. „Menschen aller Altersgruppen sind mit einer breiten Vielfalt an Musik verschiedenster Genres und meist auch mit verschiedenen Kulturen aufgewachsen. All diese Formen der Kunst verfügen über ein hohes Niveau, das wertgeschätzt und präsentiert werden muss. Jazz, zum Beispiel, könnte als die klassische Musik des 20. Jahrhunderts betrachtet werden“.

Die Elbphilharmonie veranstaltet jetzt zum dritten Mal ein Jazz-Event, das legendäre Musiker aus ganz Europa, Afrika und den Vereinigten Staaten zusammenbringt, die - in der für die Elbphilharmonie typischen Art - verschiedene Stile mischen, vom zeitgenössischen Hardbop und -rock und Electro bis zum Bossanova. Die Künstler des heutigen Abends, das skandinavische Pianotrio Rymden — bestehend aus Bugge Wesseltoft aus Norwegen und Dan Berglund und Magnus Öström aus Schweden - sind das beste Beispiel für den Geist dieses Programms. Ihr Debütalbum „Reflections and Odysseys“ ist voll von krachenden Trommeln und elektronischen Halleffekten und spiegelt eindeutige Einflüsse von außerhalb der Grundprinzipien des Jazz wider. Live gehört, oszillieren die Tracks zwischen der Umgebungssoundscape, die an die Prog-Rocker Pink Floyd und die bewegende Melancholie eines Soundtracks aus einem Hollywood-Movie erinnern.

Obwohl sie erst ein gemeinsames Album herausgebracht haben, ist ihr Auftritt in einer so prestigeträchtigen Konzerthalle wie der Elbphilharmonie keineswegs eine neue Erfahrung für die Band. Individuell, Bugge als Solist und Dan und Magnus als Mitglieder des Esbjörn Svensson Trio (e.s.t.), haben diese Musiker seit den frühen 90er Jahren in der europäischen Welt des Jazz Grenzen überwunden. „Als ich das erste Mal nach Stockholm ging, um dort zu studieren, ging es in der Jazzszene hauptsächlich um amerikanischen Jazz“, erklärt Magnus, und bezog sich damit auf den Einfluss des Bebop, einer Unterkategorie des Jazz, die Mitte der 40er entwickelt wurde und die durch ihr rasches Tempo und durch schnelle Akkordwechsel gekennzeichnet ist. „Es fühlte sich an wie nach e.s.t, obwohl das nicht nur wir waren. Es war [mehr] als eine Bewegung — die Leute begannen damit, mehr auf ihr eigenes Zeug zu sehen und versuchten zu erkennen, was sie aus ihren eigenen Perspektiven machen könnten“.
Das Ergebnis dieser Verschiebung bestand darin, dass Musiker wie Dan, Magnus und Bugge damit begannen, ihre skandinavischen Wurzeln anzuzapfen und verschiedene Genres nach Einflüssen zu durchsuchen. „Unsere Generation wurde von anderen Arten von Musik als Bebop inspiriert“, meint Bugge. „Wir wurden von Rockelementen und vielen anderen Dingen inspiriert und das kam dann an die Oberfläche. Wir gingen in die Clubs und spielten mit DJs; da gab es sehr viel frische Energie. Wenn ich zurückblicke, denke ich, dass dadurch die Betrachtungsweise des europäischen Jazz verändert wurde.“

Nachdem sie sich jahrelang in denselben Musikzirkeln bewegt hatten, beschlossen sie schließlich, sich zusammenzutun - teilweise auch, weil sie erfahren wollten, wie sich ein Trio anfühlt. „Ich denke, es geht um den Energiefluss“, erklärt Magnus, „weil es klein genug ist, um schnell zueinander zu kommen und die Energie fließen kann. Es geht nicht vor und zurück wie in einem Duo. Je mehr Leute an Bord sind, umso länger dauert es, das Schiff zu wenden.“ Diese gemeinsame Richtung kommt sowohl auf als auch abseits der Bühne zum Vorschein; das Trio reißt permanent Witze und man ist offensichtlich begeistert, die Gelegenheit zu haben, miteinander zu arbeiten.
Das zeigt sich auch in ihrer gemeinsamen Haltung gegen Genre-Snobismus. „Ich habe [die Idee, dass] die Jazzer in Jazzclubs spielen und die Rockleute in Rockclubs satt, weil ich sehe, dass mehr und mehr Leute im Publikum alle möglichen Arten von Musik mögen“, meint Bugge. „Ich finde es großartig, dass sie an einem Ort wie der Elbphilharmonie eine große Auswahl an Genres und Musikrichtungen finden können.“

Dessen ungeachtet bleibt der Jazz für die Mitglieder von Rymden ihre größte Liebe. Jazz ist eine der ganz wenigen Kunstformen, bei der das Publikum erleben kann, [dass] vor ihren Augen etwas geschaffen wird“, erklärt Magnus. „Du hast das Glück, auf die Bühne zu gehen und einfach zu probieren, etwas zu kreieren und du gibst dein Bestes. Manchmal geht das allerdings auch so richtig den Bach runter und dann wiederum funktioniert es: du hast das Publikum erreicht und es ist einfach nur fantastisch.“
Dan stimmt ihm zu: „Für mich ist die Improvisation wirklich wichtig; wenn das nicht so wäre, würde ich etwas anderes spielen.“ Um zu verdeutlichen, worum es seinem Bandkollegen geht, streckt Bugge seinen Arm aus und zieht den Ärmel zurück. Mit gespieltem Ernst fragt er dann: Woran erkennt man, dass wir Jazzmusiker sind?“ „Keine Armbanduhren!“


 

The Jazz Acoustics

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