Real Queens

Unter den Namen Pam Pengco, Kimberly Kiss, Marcella Rockefeller und Laila Licious treten Olli, Kim, Marcel und David seit 2016 als die Gruppe „Real Queens“ in Köln auf.

COMPANION: Ihr kündigt eure Shows als „Mix aus Party und Auftritt – aber mit klarer Message“ an. Was ist das für eine Message, die ihr unter die Leute bringen wollt?

Marcel: Bei unseren Veranstaltungen wollen wir die Vielfalt feiern. Jeder soll sich angstfrei so geben können, wie er oder sie ist.

David: Wir können einfach nicht verstehen, was jemand dagegen haben kann, dass wir unser Leben leben, wie es uns gefällt. Das bleibt doch immer ein aktuelles Thema!

Gehen eure Anliegen auch über einen queeren Kosmos hinaus? Es gibt momentan viele Dinge, für die man sich einsetzen könnte.

Marcel: Natürlich ist diese Message auch auf andere Lebensbereiche übertragbar. Das Thema der Akzeptanz ist gerade in Anbetracht der Flüchtlingssituation total aktuell.

David: Die Fragen, denen wir uns widmen, haben letzten Endes nicht nur mit der queeren Szene zu tun. Sie handeln auch von Rassismus, von Bodyshaming oder der Ausgrenzung von Älteren aus dem öffentlichen Leben. Indem wir wirklich jeden zu unseren Shows und Partys willkommen heißen, setzen wir ein Zeichen, das weit über die Szene hinaus geht und verstanden wird.

Olli: Im vergangenen Jahr  haben wir zum Beispiel ein Video unter dem Credo „Human Rights First“ produziert. Das war ein klares Zitat auf das Spannungsfeld, das sich zu der Zeit gerade in den USA entwickelt hat. Wir haben mit dem Wahlspruch „America First“ von Donald Trump gespielt. Das Video ist dann viral gegangen, wurde auch in Amerika geteilt. Ob sich das nur die LGBT-Szene („Lesbian, Gay, Bi, Transgender“, Anm. d. Red.) angesehen hat, lässt sich schwer nachvollziehen. Die bleibt unsere primäre Zielgruppe, aber wir versuchen thematisch immer auch auszubrechen.

Welche Rolle kann eure Kunst innerhalb einer polarisierten Gesellschaft spielen, wie wir sie gerade erleben?

Marcel: In erster Linie können wir vielen Menschen Freude bereiten. Gerade in grauen Zeiten wie den unseren tun gute Laune und bunte Vögel doch gut. Wir erleben immer wieder, dass Fans, denen es nicht gut geht, uns auf Facebook kontaktieren. Leute, denen wir Mut machen, denen wir einen Grund zum Lachen geben.

David: Die Stimmung in Amerika kippt, die in Europa genauso. Überall kommt rechte Stimmung auf, die nur von Schlechtmachern ausgeht, von negativ denkenden Menschen. Dem wollen und können wir etwas entgegensetzen.

Macht es euch eben diese Stimmung manchmal schwer, selbst ausreichend gute Laune für eure Shows zu aktivieren?

David: Sie treibt uns eher an. Natürlich hat man auch mal Angst und Sorgen, wenn man die Entwicklung der Rechten beobachtet, die ja ganz konträr zu unseren Zielen steht. Aber eigentlich zeigt uns genau das, dass wir weitermachen müssen. Uns ist es wichtig zu demonstrieren, dass wir eben auch immer noch ein Teil dieser Welt sind. Dass es überhaupt noch einen lustigen, einen bunten Teil gibt. Und dass ein Miteinander so viel mehr wert ist, als sich darüber aufzuregen, dass wieder ein paar Flüchtlinge mehr in Köln ankommen.

Marcel: Beides lässt sich auch gut kombinieren. Ein Freund von uns ist als Double von Conchita Wurst unterwegs und sammelt Sachen für Flüchtlingsunterkünfte. In seinem Drag-Queen-Outfit bringt er Lebensmittel, Decken und Kleidung in die Heime. Die Menschen dort sind so dankbar und unser Freund erfährt kaum Gegenwind. Und das ist sicherlich nicht selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass die Bewohner vor allem aus Syrien kommen und bisher noch gar keinen Kontakt mit unserer Kunstform hatten. Freude schenken und gleichzeitig Toleranz fördern – wenn die Politik das schon nicht kann, dann ist das eben unsere Aufgabe.

Also geht es auch darum, die Werte der queeren Szene wie Toleranz und Ausgelassenheit auf andere Ebenen des menschlichen Zusammenlebens zu übertragen? Die LGBT-Szene zum Vorbild zu machen?

Marcel: Sie kann zumindest ein Vorbild sein. Wir wollen aber auf keinen Fall verschleiern, dass es auch und gerade in dieser Szene oft an Toleranz fehlt. Man muss sich nur mal durch schwule Dating-Profile klicken und lesen, wie viele Jungs angeben, dass sie keine Asiaten oder keine Schwarzen treffen wollen.

David: Es herrscht oft auch das Missverständnis, dass gerade in Köln als Schwulenhochburg alles total einfach und konfliktlos ist. Ich selbst aber traue mich immer noch nicht, in Drag allein zwei Stationen mit der U-Bahn zu fahren. Sicherlich geht das in den meisten Fällen gut. Aber es gibt eben immer noch die Möglichkeit, dass man Ärger provoziert. Vor dieser Möglichkeit, so gering sie auch ist, habe ich Angst. Auch das ist eine unserer Aufgaben: Es muss nicht jeder das, was wir machen, toll und schön und aufregend finden. Aber jeder muss es akzeptieren. Ich will ja einfach nur in meiner Kleidung zu meiner Arbeit fahren.

Marcel: Letzten Endes ist doch jemand, der im Anzug zur Arbeit fährt, genauso verkleidet, wenn er sonst zu Hause mit tätowierten Armen im Unterhemd rumhängt. Auch der Anzug ist eine Verkleidung, um irgendetwas darzustellen. Nichts anderes machen wir.

Wie wichtig ist die Stadt Köln eigentlich für euer Programm?

Olli: Köln ist meine Heimat, auch wenn ich gar nicht von hier komme. Dieses Heimatgefühl möchte ich mit meiner Kunst verbinden. Die kölsche Mentalität binden wir alle vier in unsere Auftritte ein. Du kannst hier jeden entspannt nach dem Weg fragen und kriegst sofort eine Antwort. Du findest dann vielleicht nicht das Ziel, aber hattest immerhin ein lustiges Gespräch.

David: Köln steht in der öffentlichen Wahrnehmung für ein tolerantes Miteinander, deswegen passt unsere Show gut hierher. Auch weil Köln schon so lange als lustige Karnevalsstadt bekannt ist. Sicherlich wäre es schwieriger, unsere Message in einem Dorf mit tausend Einwohnern rüberzubringen.

Durch den Karneval und seine Büttenreden hat Köln auch eine sehr alte Tradition, Spaß mit politischem Bewusstsein zu verbinden.

David: Für mich war Karneval sogar der ausschlaggebende Punkt, mit dieser Kunst anzufangen. Wir alle vier sind an Karneval das erste Mal als Drag verkleidet rausgegangen und haben gemerkt, wie viel Spaß uns das macht. Irgendwann haben wir realisiert, dass man damit Geld verdienen kann, und mit der Zeit kam dann die Idee hinzu, sich damit auch politisch einzusetzen.

Politisch kann man sich auch ohne Kostüm einbringen. Politisches Kabarett zum Beispiel besteht ja nicht nur aus Konzepten der Travestie.

Marcel: Für mich ist mein Bühnencharakter das passende Sprachrohr. Ich bin mir sicher, so besser gehört zu werden. In so einem Kostüm mehr Akzeptanz und Toleranz einzufordern, ist doch sehr authentisch.

Kim: Zudem kann man sich im Kostüm mehr rausnehmen. Wenn man als Drag einen dummen Spruch macht, dann feiern die Leute das. Das erleichtert es, sein Anliegen präzise und mit Nachdruck rüberzubringen.

David: Für manche ist das Kostüm auch ein Schutz. Viele Drags sind als Mann schüchtern, aber im Kostüm sehr exaltiert. In unsere Shows kommt niemand, um mit uns das Vaterunser runterzubeten. Sie wissen, dass es bei Drag-Shows zur Sache geht, dass es auch mal ironisch und zynisch werden kann. Wir machen da vor niemandem Halt, keine Minderheit wird verschont, jeder wird rangenommen. Und das ist auch das, was die Leute von unseren Charakteren erwarten.

Wie haben sich diese Charaktere entwickelt?

David: Ich habe für mich die Form des Drags entdeckt, die alles viel größer und extremer darstellt als bei einer normalen Frau. Da wächst man rein und der Charakter wächst auch mit dir mit. Bilder aus den Zeiten, als wir uns zu Karneval unüberlegt als Frau verkleidet haben, möchte man heute lieber nicht mehr sehen.

Kim: Ich würde sagen, mittlerweile sind wir in einen Spruch aus dem Film „To Wong Foo“ hineingewachsen: „Wir haben einfach zu viel modischen Geschmack für nur ein Geschlecht.“

In dem Film wird auch die zentrale Frage geklärt, was eigentlich der Unterschied zwischen einem Mann in Frauenkleidern und einer Drag Queen ist. Wie würdet ihr das erklären?

Marcel: Drag ist eine Kunstform, die sich bei jedem ganz anders entwickeln und auch verselbstständigen kann. Für mich ist Marcella keine reale Person, ich kann das sehr gut von meinem eigentlichen Leben trennen. Es gibt aber viele Travestie-Künstler, die sich in diesen Figuren verlieren. Als wir beim Karneval damit angefangen haben, hätten wir jedenfalls nie gedacht, dass sich das mal so professionalisiert. Wir haben uns halt als Amy Winehouse und Lady Gaga verkleidet, das hatte noch nichts mit einem eigenen Charakter zu tun.

Trotzdem hat alles mit Amy Winehouse und Lady Gaga angefangen. Ist die Basis wirklich immer das weibliche Vorbild oder konstruiert sich ein Drag-Charakter auch aus sich selbst heraus?

Olli: Die großen Diven wie Beyoncé, Cher oder Lady Gaga, deren Musik wir auch benutzen, sind sicherlich Inspiration für jede Drag, gerade was die Optik angeht. Nur haben es Beyoncé, Cher und Lady Gaga mit ihren Budgets und Stylisten vermutlich ein bisschen einfache, als wir mit unseren Pailletten und Heißklebepistolen.

Das hört sich ziemlich zeitintensiv und auch teuer an.

David: Schuhe in unseren Größen sind verdammt teuer! Wir verbrauchen unfassbar viele Strumpfhosen. Wir brauchen Unterwäsche, künstliche Brüste, Outfits, Schminke, Perücken. Man muss sich vor Augen führen, dass an unseren Charakteren von Kopf bis Fuß nichts echt ist. Das ist vielen gar nicht bewusst, die uns für Auftritte anfragen und mit Sekt und Gästeliste bezahlen wollen. Davon sind meine Rechnungen und mein Lebensunterhalt noch nicht bezahlt.

Weniger Outfit geht nicht?

David: Nein, es ist ja gerade die perfekte Illusion, die so fasziniert. Drag ist eben mehr, als sich an Karneval in ein Schweinchenkostüm zu zwängen. Es steckt ein Aufwand und viel Arbeit dahinter, den sich die Leute kaum vorstellen können.

→ realqueens.de

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