München bei Nacht

München ist für vieles bekannt – für ein aufregendes Nachtleben allerdings nicht wirklich. Schluss damit!

In der Stadt, die man einst nur mit Bierkrügen oder Champagnergläsern assoziierte, ist viel in Bewegung. Zu verdanken ist das nicht zuletzt Sandra Forster. Mit ihren individuellen Club- und Restaurantkonzepten wie dem Kismet oder Café King - prägt die Münchner Gastronomin seit Jahren die als spießig verpönte bayerische Landeshauptstadt. Seit der Jahrtausendwende hat sie insgesamt zehn Läden aufgemacht, fünf davon sind noch aktiv in ihrer Hand. Ihr bisher größtes Projekt? Das Blitz, ein Technoclub mitten auf der Münchner Museumsinsel. Nur ein Grund, endlich einen Blick auf Münchens alternative Clubkultur zu werfen.

Es ist ein Samstagabend im Spätsommer, draußen ist es noch hell. Das Charlie, ein hippes vietnamesisches Restaurant in Giesing mit dazugehörigem Club, ist schon jetzt brechend voll. An einer langen Holztafel mit restaurierten Wirtshausmöbeln reiht sich eine große Runde an die nächste. Aber auch die roten Plastikhocker vor der Bar, wie man sie aus Garküchen in Asien kennt, sind alle besetzt. Es herrscht ausgelassene Stimmung im Charlie. Mittendrin: Sandra Foster, eine zierliche blonde Frau mit auffälligem Goldzahn, die Inhaberin des Ladens. Insgesamt hat Sandra schon über zehn Läden aufgemacht. Da war zum Beispiel 2003 das Zappeforster: eine Bar, die Drinks wie Munich Mule erstmals zum Mitnehmen anbot, um sie an lauen Sommernächten ungezwungen auf dem Gärtnerplatz zu trinken. Das Ausbildungsrestaurant Roecklplatz, das jungen Menschen aus schwierigen Verhältnisse eine Perspektive bietet. Oder der Technoclub Kong. Heute sind es noch fünf Läden, die Sandra selbst betreibt. Zu allen hat sie eine emotionale Bindung. Die Schicht am Samstagabend im Charlie ist trotzdem Pflicht. „Nur so kriege ich mit, was gut und was schiefläuft“, sagt sie.
Aber wer ist die Frau, die Münchner In-Getränke wie Hugos oder Aperol Spritz voller Inbrunst boykottiert und trotzdem so erfolgreich ist? Angefangen hat alles vor 25 Jahren, als sich Sandra nach dem Abi als Piercerin selbstständig machte. In einer Unternehmerfamilie aufgewachsen, hatte sie das Prinzip des eigenen Chefseins früh verinnerlicht. Viele ihrer Freunde arbeiteten damals in der Gastronomie und gemeinsam mit Michi Kern, der schon damals einer der erfolgreichsten Gastronomen Münchens war, verwirklichte sie 2000 ihren Mädchentraum von einer pinken Café-Bar mit Vintage-Möbeln. Das Hit the Sky traf damals einen Nerv, war es doch endlich eine Alternative zu etablierten Bar-Institutionen. Sandra hatte Blut geleckt: „Ab da gab es kein Zurück mehr.“

Seitdem besetzt die 43-Jährige Nischen und verbindet erfolgreich das, was in der sonst als so konservativ geltenden Stadt schier unmöglich schien: bayerische Gemütlichkeit und Szenegastronomie. Und das obwohl Sandra noch nie einen Businessplan geschrieben hat. „Natürlich kann ich da reinschreiben, dass es total cool wird und ganz viele Leute kommen werden, aber das finde ich albern.“ Lieber vertraut sie auf ihr Bauchgefühl und ihre Kontakte. 2005, als sie das Zerwirk und damit das erste vegane Restaurant Deutschlands eröffnete, war es wieder Michi Kern, der sie von der Idee überzeugte. Der Großgastronom, der heute Läden wie das Pacha betreibt, war damals schon in der Yoga- und Veganer-Szene etabliert. Sie vertraute ihm blind. Aber dass aus veganer Küche so ein Trend werden würde, überraschte sie selbst. „Für mich war es einfach ein riesiges Abenteuer.“

Denn Trendforscherin sei sie nicht, sagt Sandra. Im Gegenteil: Wenn sie an einem neuen Restaurant- oder Clubkonzept arbeite, ziehe sie sich ganz bewusst zurück. Zu groß sei ihre Angst, einfach etwas zu kopieren. Es geht ihr um individuelle Konzepte, die es so in der Stadt noch nicht gibt. Wie das Kismet zum Beispiel, mit dem sie ihren lang gehegten Traum, orientalische Küche mit guten Drinks zu verbinden, realisierte. Das Prinzip ist immer das gleiche: Der Laden steht und fällt mit der Location. Und: mit Sandras Team. Denn egal welches Projekt Sandra umsetzt, es ist immer das Ergebnis langjähriger Partnerschaften.

Die Kür dieser Langzeitbeziehung ist das Blitz, ein Technoclub mit dazugehörigem Restaurant, das im Mai auf der Museumsinsel eröffnete. „Eigentlich der blödeste Zeitpunkt überhaupt“, sagt sie. „Der Sommer stand vor der Tür, alle wollten nur noch draußen abhängen.“ Die Terrasse aber, direkt an der Isar, war ausschlaggebend, es doch zu tun. Ohne die könne man heutzutage keinen Club mehr aufmachen, zu groß sei das Sommerloch. Seitdem wird auf taubengrau gestrichenen Biertischen vegetarische südamerikanische Küche serviert. Dass das Essen trotz Fleischverzicht eine sinnliche, sexy Angelegenheit bleibt, war der überzeugten Vegetarierin wichtig. Deshalb gibt es hier bewusst keine Diätküche, sondern viel Käse und Frittiertes. Und viel zu trinken. Die Kunst, schon beim Essen für ausgelassene Stimmung zu sorgen, ist über die Jahre zu Sandras Steckenpferd geworden.
Genauso wie die Inneneinrichtung. Jeder Laden trägt ihre Handschrift. Für das Restaurant im Blitz wurden alte Wirtshausstühle mit Designerstühlen des Münchner Designers Stefan Diez kombiniert. Die Bar ist vintage und der Akustikbau wurde so gestaltet, dass er der besonderen Anlage gerecht wird. „Wir ziehen jeden einzelnen Laden selbst hoch, machen vom Umbau bis zur Buchhaltung alles selbst. So bleiben die Budgets überschaubar und wir müssen nicht gleich hysterisch werden, wenn mal zwei Tage nicht so viele Leute kommen.“
Um ausbleibende Gäste muss sich Sandra ohnehin nicht sorgen. Seit Stunde null ist der Club im Blitz, der 900 Leute fasst, jeden Abend voll. Das liegt laut Sandra vor allem an ihren Partnern. Denn Menschen, die all ihr Herzblut in eine Sache stecken, braucht es, wenn man in einer regelkonformen Stadt wie München etwas bewegen möchte. Die Auflagen, die die Stadt stellt, sind enorm. „Der Umbau des Museums war die absolute Königsdisziplin an Genehmigungsverfahren. Die Lokalbaukommission hat uns unsere Pläne bis ins kleinste Detail zerpflückt. Das Blitz muss der sicherste Club der Welt sein, so aufwendig war der Umbau.“

Wenn dann trotzdem das Kreisverwaltungsreferat vor der Tür steht oder wieder eine Anzeige ins Haus flattert, weil an einem Samstagabend acht Leute im Club geraucht haben, findet Sandra das frustrierend. „Das würde in Berlin nie passieren. Und dann werde ich sauer.“ Denn alles muss sitzen. „In München kann man nicht einfach vor sich hinwurschteln, Konzepte müssen funktionieren. Schon allein wegen der hohen Mieten.“ Sicherlich könnte auch Sandra mehr Geld verdienen. Wenn sie manchmal durch Münchens Schickeria-Läden läuft, die mit Pizza und Spritz vermutlich doppelt so viel Umsatz machen, kommt sie ins Grübeln. Aber nur kurz, denn das Geld ist nicht so wichtig. Sie möchte die Stadt mit gestalten, die sie so liebt. Auch bei einer 75-Stunden-Woche, auch trotz Windmühlenkämpfen mit Behörden. Alles für diesen einen Moment: „Meistens passiert es hinter dem DJ-Pult. Da hat man die beste Sicht auf die Menschenmenge. Manchmal ist es der dritte Wodka, der einen besonders glücklich macht, oder ein emotionales Lied zum richtigen Zeitpunkt. Diese Momente sind Gänsehaut pur und nach ihnen weiß ich wieder, warum ich das alles mache.


Sandra’s Gastro Empire

KISMET Oriental Flair + Bavarian Beer
In dem kleinen Restaurant mit Bar in der Löwengrube sitzt man auf restaurierten Thonetstühle vor smaragdgrünen Wänden, zu denen sich Forster von ihren Nahostreisen inspirieren ließ. Seit 2014 überrascht sie hier gegenüber der Polizeistation mit orientalisch-vegetarischen Gerichten und Mezze wie Baba Ganoush oder Hummus. Dazu gibt es eine Weinkarte mit vielen Bio- Weinen und bayerisches Bier.
kismet.cc

BLITZ Beer Garden + Techno + South American Cuisine
Das Blitz ist der neueste Zugang im Forsterschen Imperium. Südamerikanische, vegetarische Küche, die alle Sinne anregt. Zum Tanzen geht man am besten gleich nach nebenan. Denn im vorderen Teil des ehemaligen Planetariums auf der Museumsinsel, wo das Blitz zu Hause ist, ist auch ein Technoclub. Egal, ob nach feierwütigen Stunden im Club oder mittags bei Sonnenschein, erholen lässt es sich auch im Biergarten, der links vom Eingang direkt an der Isar gelegen ist.
blitz.club

ROECKLPLATZ Social Engagement + Zeitgeisty Comfort
Hier verbindet Sandra Szenegastronomie mit sozialem Anspruch. Azubis aus schwierigen Verhältnissen haben in der Küche das Sagen und servieren in moderner Wirtshaus-atmosphäre Klassiker wie Schweinebraten vom Biofleisch in Rosmarinjus sowie mediterran angehauchte Gerichte. Vegane Optionen gibt es natürlich auch.
roecklplatz.de

CHARLIE Spring Rolls + Happy Tunes
Die Eröffnung des Charlie 2011 markiert Giesings Transformation zum neuen In-Viertel der Stadt. Seitdem Forster hier einfache vietnamesische Gerichte zu happy Tunes (unten ist ein Club) serviert, kommen viele Gäste in die Gegend südlich der Au, um eine der Pho-Suppen oder Glücksrollen zu probieren.
charl.ie

Weitere Artikel

Mehr Infos

Hamburg’s Got Groove

Die kultige Hamburger Elbphilharmonie ist für ihre irre Akustik ebenso bekannt wie für ihr Programm, das traditionelle klassische Musik mit der Musik von Rockbands, Festivals und Jazz - wie z. B. die skandinavische Pianoband Rymden - miteinander verwebt. Anlässlich des Konzertes dieser Band trafen wir das Jazztrio in der „Elphi“, wo wir tief in die Geschichte der Konzerthalle eintauchten und - neben anderen Fragen - überlegten, ob Jazz die klassische Musik des 21. Jahrhunderts ist.

Mehr Infos

Der Schweizer Tausendsassa

Dieter Meier ist jemand, den man ohne Übertreibung als musikalische Legende bezeichnen kann. Mit der Band Yello wurde der Schweizer gemeinsam mit seinem Kollegen Boris Blank in den 80ern weltbekannt. Der Sound ihrer Hits wie „Oh Yeah“ und „The Race“? Neu und experimentell, elektronisch, ein wenig gaga und dank Dieters tiefer Stimme unter die Haut gehend. Bis heute treten Yello auf. Die Musik ist dabei längst nicht Dieters einziger Ausdruck: Der Nobelmann und vermutlich best angezogene Rebell Zürichs, der sich seine Zeit eine Weile sogar als Berufspokerspieler verdingte, begann ab den späten 60ern, als Performance- und Konzeptkünstler zu arbeiten. 1972 nahm er an der Documenta 5 in Kassel teil. Auch als kreativer Unternehmer und Investor hat Dieter seine Finger überall mit im Spiel. Seine große Leidenschaft ist aber die Welt der Kulinarik und Natur und insofern seine Farm in Argentinien, wo er unter anderem Wein anbaut, Rinder züchtet und viel Zeit verbringt. Produkte aus seiner zweiten Heimat tischt er in seinen Restaurants auf — natürlich ist der Tausendsassa auch Gastronom. Gerade hat er außerdem eine Schokoladenmanufaktur hochgezogen. Irgendwo zwischen seinen vielen Projekten hat sich Dieter einen Moment Zeit genommen, COMPANION’s Questionnaire zu beantworten.

Mehr Infos

Schaffung eines Kultlabels

Alles begann mit einem bescheidenen Musiklabel und ein paar Jeans. Seit seinen Anfängen im Jahr 2002, hat sich der „Purveyor of cool” zu einer kultigen Modemarke und einem Kult-Music-Label mit Coffee-Shops in Paris und Tokio gemausert. Wie war eine solche Entwicklung möglich? Mitbegründer Gildas Loaëc ließ COMPANION wissen, wie er eklektische und klassische Elemente ausfindig macht, um in diesen schnelllebigen Branchen die nötige Frische zu bewahren.

Mehr Infos

Generating a Genre

Natascha Augustin, Senior Creative Director bei Warner Chappell, ist jene Branchenführerin mit kühlem Kopf, die Deutschlands heißeste Hip-Hop- und Rap-Acts an die Spitze der internationalen Aufmerksamkeit katapultiert – auch wenn ihre Demut sie davon abhält, überhaupt Anerkennung dafür einzufordern. Als eine Pionierin des Deutschrap seit seiner Geburtsstunde hat sie durch ihr Talent, den ständig wechselhaften Geschmack in der Popmusik zu navigieren, nicht nur Warner Chappell sondern der gesamten Industrie zu einem festen Stand verholfen. Natascha hat sich einen Moment Zeit von ihrem Nonstop-Kalender genommen, um COMPANION zu erzählen, wie sie neue Talente entdeckt, was ihr an der neuen Welle deutscher Rapperinnen gefällt und wie ihr Ausblick auf die Zukunft des Genres ist

Mehr Infos

Balladen eines Bad Boys

Es ist schwer zu glauben, dass Julian Polin – besser bekannt als Faber – erst 26 Jahre alt ist. So knirschend wie die Stimme und die Lyrics des schweizerischen Singer-Songwriters sind, müsste man eigentlich annehmen, dass er mindestens zwei Dekaden mehr hinter sich hat. Sein Debütalbum „Sei ein Faber im Wind“ aus 207, gesungen auf Deutsch, lässt wirklich kein Thema aus. Die Tracks paaren schlüpfrige Wortspiele mit treibenden Melodien, erinnern an das heisere Knurren eines Jacques Brel oder das Murmeln der Volksmusik vom Balkan – ein neues Genre melancholischer Dance Music, das die weltmüden Herzen seiner Generation fest im Griff hat. Vor der Veröffentlichung seines zweiten Albums gegen Ende des Jahres hat sich Faber aus dem Studio herausbemüht, um mit COMPANION über die verschwommenen Grenzen zwischen Fakt und Fiktion, die Langeweile in der Stadt Zürich und warum er sich nicht mit Kanye verstehen würde zu sprechen.

Mehr Infos

The International Heartbeat of Frankfurt

Dasitu Kajela-Röttger und ihr Mann Michael Röttger sind privat als auch beruflich ein echtes Dre-amteam. Kennen- und lieben gelernt haben sie sich 1985 auf einem afrikanischen Festival in ihrer Wahlheimat Frankfurt am Main. Dasitu organisierte damals einen Abend der äthiopischen Oromo-Kultur. Michael war gerade von einer langen Afrikareise zurückgekehrt und begeistert von der Mu-sik — und überzeugte Dasitu, auch beruflich seine Komplizin zu werden. Letzteres dauerte etwas länger: „So richtig für die westafrikanische Musikkultur begeistern konnte ich sie erst im Laufe der Zeit“, sagt Michael und lacht.


back to
top
now we are talking.

Besondere Einblicke in die Welt von 25hours und lokale News – hier anmelden!