Bordeaux on board

Eine etwas weniger bekannte Seite der Stadt Bordeaux ist ihre lebendige Straßenkultur – eine Facette, die bei einem Besuch der Welt des Underground-Skateboardens zum Leben erwacht.

COMPANION traf Leo Valls, einen der Wegbereiter der lokalen Szene, der uns seine Stadt aus dem einzigartigen Blickwinkel von seinem Skateboard aus vorstellt.

Die Mauern der Gasse führen auf einen weiten Platz aus glänzendem Ziegelstein, der von Bäumen und hübschen Fassaden gesäumt wird. Eine Gruppe von Skatern schwärmt mit ihren Skateboards aus, zieht mit flüssiger, geschmeidiger Leichtigkeit Kreise um den Platz und gleitet über Mauern, Furchen und Rillen. Ein Mann – schmal, in lockerem T-Shirt und Jeans – löst sich aus der Gruppe und saust den Rand einer Granittreppe hinunter. Mit einem Lächeln blickt er zurück und kommt mit einem Gesichtsausdruck spürbarer Zufriedenheit zum Stehen. Es ist der französische Profi-Skater Leo Valls, eine bekannte Figur in der Welt des Underground-Skateboardens und eine lokale Ikone in Bordeaux. Er und sein internationales Team bei Magenta Skateboards zelebrieren das Skateboarden in seiner reinsten Form als eine Art des kreativen Selbstausdrucks – eine Kunst, die frei und impulsiv ist. Sie verlagern den traditionellen Fokus der Branche weg von Skateparks und Halfpipes, um eine spontane Form des Skateboardens zu fördern, in der improvisiert und auf das urbane Milieu reagiert wird.

„Skateboarden wurde so geprägt, dass es ein bestimmtes Ideal darstellt. Für die meisten Leute ist es einfacher, Skateboarden zu verstehen und zu verfolgen, wenn es etwas sehr Technisches oder etwas sehr Gefährliches oder Trendiges ist“, sagt Leo, als er eine Verschnaufpause einlegt und erklärt, dass er den Begriff des Skateboardens als einfachen Mainstream-Wettkampfsport ablehnt. Underground-Skateboarden bedeutet für ihn, „sich nicht um die Regeln der Branche zu kümmern, das zu tun, was man will, und ein Netzwerk drumherum aufzubauen“.

Dieses Netzwerk aus Skatern und Freunden nahm seinen Anfang in Bordeaux: Einer alternativen Hafenstadt im Südwesten Frankreichs mit einem milden Klima und einem dörflichen Charme, die immer noch junge Leute anzieht – ein kreatives Überdruckventil für das bekanntere und bevölkerungsreichere Paris. „Ich liebe es einfach ohne Kamera oder Projekt im Kopf zu skaten, mit Freunden unterwegs zu sein und mich an der Stadt zu erfreuen. In den Tag hinein zu leben“, sagt Leo. Hier gibt es eine lebendige Skaterkultur, die regelmäßig zelebriert wird. Was ihm am Underground-Skateboarden gefällt, ist seine Zugänglichkeit für eine Vielzahl von Menschen: „Ich sehe jeden Tag Menschen, die sich mit Skateboards in der Stadt bewegen. Es ist ökonomischer und ökologischer als Autofahren. Es macht auch mehr Spaß: du bist draußen, atmest frische Luft und verausgabst dich körperlich.“

 

Leos Liebe zum Skateboarden mit Freunden, zur Suche nach neuen Spots und zum Erfinden von Tricks hat ihn zu einer Reihe von Sponsoringverträgen und weltweiten Abenteuern geführt. Er tourte durch die USA, Australien, Europa und Asien und fliegt seit fast einem Jahrzehnt jedes Jahr nach Japan. „Ich reise gerne an Orte, an denen ich Gleichgesinnte treffe, mit denen ich mich austauschen und von denen ich lernen kann“, sagt er. Jeder Ort hat seine eigene einzigartige Skaterkultur, Ikonen und Geschichte; seine eigene Auffassung von der Energie und der Ausdruckskraft des Skateboardens. Leo zufolge sollten diese Kulturen – oft im Widerspruch zu den festen Normen des Mainstream-Skateboardens – bewahrt und zelebriert werden.

„Ich bin sehr daran interessiert, dass Skateboarden immer beliebter und offener für mehr Menschen wird, solange es Spaß macht und gesund ist“, erklärt Leo. Als ein alter Skater und Schuldirektor von Bordeaux eine Skaterrampe in einem örtlichen Schulhof aufbaute, nahm Leo Kontakt auf, um Skateboardkurse für Kinder zu organisieren. Er holt eine Gruppe von vier bis sieben Kindern aus der Schule ab, um sie zum Skateboarden auf den Straßen mitzunehmen. Beim Herumfahren durch die Stadt führt er sie in die Elemente und die Etikette des Streetskatens ein: „Mit den Leuten in Kontakt zu kommen und von Omas von den Skatespots geworfen werden“, sagt er lachend. Sein Rat an die Kinder? Höflich zu allen sein, Obst essen, um Energie zu tanken, viel Wasser trinken.

 

Mit einem Profi-Skateboarder abzuhängen und Tricks zu lernen ist etwas, wovon viele Kinder – und einige Erwachsene – träumen. „Die Kinder sind begeistert“, sagt Leo. „Sie sind manchmal zu aufgeregt, und ich muss sie ein wenig beruhigen, aber es macht sehr viel Spaß. Cool ist, dass sie durch das Entwickeln ihrer Leidenschaft bereit sind, andere neue Dinge in der Skateboardkultur zu entdecken. Es gibt da viele Medien, die anziehend wirken können, wie Fotografie, Videoproduktion, Kunst, Design, Architektur ... Ich sehe das Potenzial in ihnen.“

Für die Kreativität, die das Skateboarden fördert, steht auch Leos Hauptsponsor exemplarisch: Magenta Skateboards. Neben dem Verkauf von Original-Boards und -ausrüstung produzieren sie Inhalte, die die Botschaften des Underground-Skateboardens vermitteln. In Zusammenarbeit mit Adidas haben sie sogar einen Schuh entworfen. „Es ist eine große Crew aus Homies. Jeder, der für das Unternehmen arbeitet hat eine Leidenschaft für das Skateboarden.Es ist ein kontinuierliches, kreatives Projekt, das immer an Videos, Fotos und redaktionellen Inhalten arbeitet. Es scheint, als ob alle Skateboarder auch noch etwas anderes rund ums Skateboarden machen. Ich habe viele Skaterfreunde, die durch solche Projekte sehr gut im Filmen, Fotografieren, Zeichnen oder Gestalten geworden sind“, erklärt Leo. „Was das Skaten angeht ist die Hauptidee hinter der Marke, Wege aufzuzeigen, wie sich das Stadtleben genießen, erforschen und bereisen lässt ... Es ist ganz einfach: keine Wettbewerbe, keine Versuche etwas zu gewinnen, nur das eigene Ding machen.“

Während Leo vom Platz aus ruhige, schattige Gassen hinunterrollt, wird das angenehme Rumpeln und Klappern der Skateboards auf dem Betonboden von den Reihen aus biederen Mehrfamilienhäusern zurückgeworfen, deren Dächer sich in der Nachmittagssonne wärmen. Bordeaux ist ein malerisches Städtchen, dessen gepflegtes Ensemble aus Treppen, Geländern, Bänken, Innenhöfen und Durchgängen aus glattem Marmor den perfekten Rahmen für ungezwungenes, unbeschwertes Skateboarden bietet. Doch da immer mehr Skater nach Bordeaux ziehen, um dieses organische Skateboardgelände zu erleben, kippt die Beziehung der Stadt zum Skateboarden.

„Die Behörden mögen es sicher nicht. Wenn du die Cops siehst, musst du abhauen. Viele Leute sehen nur die schlechte Seite davon, es ist laut und kann den Gebäuden schaden, aber man sieht auch viele Leute, die es lieben, weil sie es als Ausdrucksform erkennen“, sagt Leo. „Lustig ist, dass die Stadt versucht, Skateboarden als Werbeinstrument einzusetzen, um zu zeigen, dass sie eine junge Stadt ist, dass sie die Jugend mag, dass sie Outdoor-Aktivitäten fördert. Sie haben beispielsweise Anzeigen, die das Skateboarden abbilden, und sie haben auch einige große Veranstaltungen im Rathaus abgehalten, bei denen die kreative Facette des Skateboardens dargestellt wurde, was großartig ist. Aber gleichzeitig verteilt die Polizei Strafzettel an uns. Es ist ein wenig ironisch“, grinst Leo, bevor er sich auf den Weg macht, um den nächsten Platz zum Skateboarden zu finden.

Später an diesem Tag, auf der Dune du Pilat, der größten Sanddüne Europas, nur 60 Kilometer von Bordeaux entfernt, denkt Leo bei einem Essen mit Freunden über seine Rolle und seine täglichen Routinen nach, während die Farben der Sonne am Horizont verschwinden. Sein Leben ist ein Beispiel für den Erfolg eines Profiskaters – mit Tourneen, Filmen und Merchandising – aber eines, das ein Gleichgewicht zwischen beruflichen Verpflichtungen und persönlichem Ausdruck beibehalten hat. „Auch wenn Geld nicht im Vordergrund steht, muss man schließlich seinen Lebensunterhalt bestreiten. Also müssen Profis eine Balance finden zwischen Kreativität und Selbstausdruck, während sie gleichzeitig ihren Lebensunterhalt mit dem Skateboarden verdienen“, sagt er.

Leos Tage bestehen in der Regel aus der Erstellung von Inhalten für Magenta – Schreiben oder das Bearbeiten von Videos –, einem Mittagessen mit seiner Frau Lauren und der Planung neuer Touren. Und dann schließlich kann er tun, was er am besten drauf hat: Skateboarden auf der Straße, wo er Freunde trifft und bis spät in die Nacht kreative Inspirationen sammelt. „Bei diesem Lebensstil von Bordeaux kommen wir manchmal um drei oder vier Uhr morgens nach Hause“, sagt Leo und hält inne. „Wenn man den ganzen Tag auf der Straße ist, bekommt man viel mit. Du siehst reiche Menschen, du siehst arme Menschen, du siehst alles. Es lässt einen viel nachdenken – es ist ein Katalysator für alles.“

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