Marseille Mon Amour

Mediterranes Klima und lässiger urbaner Flair an der Côte d'Azur: Marseille ist zweifellos besser als sein Ruf. Lange galt die quirlige internationale Hafenstadt mit ihren 300 Sonnentagen im Jahr und einer besonderen Leidenschaft für Bouillabaisse und Pastis als das Neapel Frankreichs, wo mit der Mafia "French Connection" Bandenkriminalität und Gewalt regierten.

Aber spätestens seit Marseille 2013 zur Europäischen Kulturhauptstadt ernannt wurde, hat sich auch dank hoher Subventionen viel verändert - Marseille putzt sich zunehmend heraus. Eine wachsende Zahl Kreativer und Künstler zieht es mittlerweile in die zweitgrößte Stadt Frankreichs. Mit ihnen eröffnen Galerien sowie hippe Boutiquen und Cafés. Insbesondere für junge Franzosen wird das noch erschwingliche Marseille eine Alternative zum überteuerten Paris - Meerblick inklusive. 

"Heute ist Marseille auch nicht mehr gefährlicher als jede andere Großstadt. Das erzählen wir nur niemandem, damit wir nicht von Touristenströmen überrannt werden.", sagt Margaux Keller lachend. Obwohl die Interior- und Produktdesignerin in Genf geboren wurde, hat sie - mal abgesehen vom Studium in Paris - beinahe ihr ganzes bisheriges Leben in Marseille verbracht. Die Stadt ist nicht nur ihre Heimat, wo die junge Mutter mit ihrer Familie lebt, sondern obendrein ständige Inspirationsquelle für ihre Arbeit. Etwas von dem sonnigen, farbenfrohen Charme fließt immer in die Geschäfte, Bistros oder Privaträume, die sie mit viel Liebe zu heiteren Farben und einer Prise Humor gestaltet. Genauso wie in die Möbel und Interior-Accessoires, die sie getreu Habitat entwirft. Ihr geliebtes Marseille hat sie COMPANION auf einer Tour zu ihren Lieblingsorten der Stadt näher gebracht. 

margauxkeller.com

Maison Vauban

„Marseilles Stadtteile funktionieren wie kleine Dörfer. Jeder kennt sich, man pflegt seine Gewohnheiten“, sagt Margaux, als sie uns in ihrem „Dorf“ begrüßt: der historischen Nachbarschaft Vauban, gelegen am Fuße der Basilika Notre-Dame de la Garde. Die im Volksmund nur „La Bonne Mère“ genannte Marien-Wallfahrtskirche ist übrigens eine der Hauptattraktionen der Hafenstadt und Marseilles ganzer Stolz. Gleich um die Ecke von Margauxs Apartment und ihrem Atelier, in einer der ruhigen Seitenstraßen den Hügel hinauf, befindet sich das Maison Vauban: der Lieblings-Spot der Designerin für den gewohnten Kaffee am Morgen. Besitzer Victor Parodi erwartet sie bereits und begrüßt sie herzlich mit einem Küsschen links und rechts. Auch mittags und am Wochenende sogar zum Dinner lässt es sich in dem Bistro mit dem hübschen grün gefliesten Tresen, dem Mobiliar im Vintage-Look und den freigelegten Ziegelwänden bestens aushalten – was auch an den köstlichen mediterranen Speisen liegt, die hier serviert werden.

facebook.com/MaisonVaubanMarseille

Jogging

Für uns steht allerdings erst mal Jogging auf dem Programm – der Shop natürlich! Der kleine, aber feine Concept Store von Margauxs Bekannten Olivier Amsellem und Charlotte Brunet in der Rue Paradis entpuppt sich tatsächlich als wahres Paradies für Mode- und Designliebhaber. In der ehemaligen Fleischerei hängen heute Sonnenbrillen und Designerkleider von angesagten Labels wie Jacquemus, JW Anderson, Alyx oder Maryam Nassir Zadeh an den Haken. „Noch vor ein paar Jahren wäre so ein Laden in Marseille undenkbar gewesen, aber momentan ziehen viele junge Kreative von Paris hierher. Die Szene für hippes Design wächst“, sagt Margaux. Zu Jogging gehört übrigens auch ein verwunschener kleiner Hinterhofgarten, in dem unter der Woche Lunch und samstags Brunch angeboten wird. Der Pulpo-Salat, der hier gerade zubereitet wird, lässt uns das Wasser im Mund zusammenlaufen. 

joggingjogging.com

Sepia

Wie gut, dass wir auf dem Weg zu unserem nächsten Stop sind: dem Restaurant Sepia, Margauxs Lieblingslokal zum Lunch, das von einem kleinen Park umsäumt am Hang auf dem Hügel La Garde liegt und sich nur über eine kleine Brücke erreichen lässt. „Von hier aus hat man einen fantastischen Blick über Marseille“, schwärmt die Designerin. „Auch mit Kindern ist es hier toll. Sie können vor dem Restaurant toben, während die Eltern entspannt essen“, verrät die zweifache Mutter. Marseille ist kulinarisch traditionell für Bouillabaisse und Pastis bekannt – im italienischen Fine Dining Restaurant Sepia bestellen wir lieber von der Tageskarte: Pasta mit Muscheln und Lachs auf Avocado-Tartar. Der obligatorische Wein darf in Frankreich schon mittags natürlich nicht fehlen. Die Marseiller trinken am liebsten einen kühlen Rosé, den auch wir jetzt auf der schattigen Terrasse genießen.

restaurant-sepia.fr

La Corniche

Vom Sepia aus ist es ein Spaziergang von etwa 25 Minuten durch Marseilles Gassen in Richtung der Steilküstenstraße La Corniche – aber in der hügeligen Stadt und bei brennender Hitze sind wir faul und nehmen Margauxs Auto. Kurz darauf befinden wir uns am Anfang der etwa fünf Kilometer langen Felsstraße, von der die Marseiller stolz sagen, auf ihr befände sich auch die längste Bank der Welt. Ob das stimmt oder nicht: Wir genießen den Zwischenstopp mit Blick auf das weite blaue Meer – und die angenehm frische Brise, die hier weht. Direkt unter uns befindet sich die kleine Hafenbucht Vallon des Auffes, wo sich vereinzelt Badegäste auf den Felsen räkeln und beizeiten ins Wasser hüpfen. „Bis in den November haben wir Badewetter“, schwärmt Margaux. Im beschaulichen Hafen locken ein paar Bistros und Restaurants – und eine entspannte Atmosphäre, wie man sie an den überlaufenen Badestränden am anderen Ende von La Corniche lange sucht.

Mucem

Die Hafenstadt lockt allerdings nicht nur mit Badespaß und kulinarischen Freuden. Natürlich steht auch Kultur auf unserem Programm. Abgesehen von Le Corbusiers Architekturikone, der Sozialwohnanlage Cité Radieuse, die ab 1947 entstand, verkörpert das Mucem das neue Marseille. Das Museum der Zivilisationen Europas und des Mittelmeers liegt von La Corniche aus genau auf der anderen Seite des Alten Hafens und wurde 2013 anlässlich der Ernennung Marseilles als Kulturhauptstadt Europas eröffnet. Abgesehen von den permanenten wie auch den wechselnden Ausstellungen ist schon der zeitgenössische Bau mit seiner verglasten Fassade und einem netzartigen Betonüberzug eine echte Attraktion, welche die Besucher der Dachterrasse zum Fotos-Knipsen animiert. Über eine Betonbrücke ist der moderne Klotz außerdem mit dem historischen Fort Saint-Jean verbunden – hier verschmelzen wahrhaft Alt und Neu.

mucem.org

Le Coiffeur

Nicht weit vom Mucem entfernt befindet sich der Friseursalon von Pascal Lancien, der schlicht „Le Coiffeur“ heißt und dessen Interior in der schicken Mall der Hafenterrassen, Les Terrasses du Port, von Margaux gestaltet wurde. Ihre Liebe zu Farben und hellem Holz können wir förmlich spüren, als wir den Salon betreten. Ein leuchtendes Türkis strahlt von den Wänden, während das verspielte und zugleich minimalistische Sofa von gelben und grauen Kissen verziert wird. Eine echte Besonderheit, mal abgesehen von den halbrunden, auf Stelzen stehenden Spiegeln, ist ein kleines, in den Laden gesetztes Häuschen. Darin befinden sich die Waschbassins mitsamt der dazugehörigen Liegen, auf denen sich gerade einige Kundinnen in halb abgeschirmter, intimer Atmosphäre shampoonieren lassen. Im Salon herrscht Hochbetrieb. Kein Wunder – wer in Marseille ist, lässt sich eben am liebsten bei Pascal die Haare verschönern.

lecoiffeur-pascallancien.fr

Mama Shelter

Mit frischer Frisur kann der Abend kommen – und den verbringen wir in unserem Hotel Mama Shelter Marseille, das gleich um die Ecke des angesagten Künstlerviertels Cours Julien liegt. Die Mama Shelter Hotels sind eine kleine, aber feine französische Designhotelgruppe, mittlerweile mit Häusern in acht verschiedenen Städten von Paris über Los Angeles bis Rio de Janeiro vertreten. In der urbanen Oase in der Hafenstadt mit modernen Zimmern im Beton-Style herrscht immer ein cooler Vibe. Bei Live-DJ-Musik lässt es sich im hauseigenen Restaurant Mama hervorragend speisen. Auf der Karte in Marseille stehen zum Beispiel internationale Delikatessen wie Thunfisch-Sesam-Tataki oder eine hippe hawaiianische Poké-Bowl sowie Shakshuka, Hummus oder Burrata. Das lockt nicht nur Hotelgäste, sondern auch die Locals, die gern zum Essen oder auf ein paar Drinks – oder eine Partie Tischfußball  – vorbeikommen. So haben wir am Ende des Tages glatt noch ein paar neue Freunde gewonnen!

mamashelter.com

Weitere Artikel

Mehr Infos

Wann, wenn nicht jetzt?

Seit 19 Jahren betreiben die Berliner Elektropunks von Egotronic musikalischen Hedonismus, der zunehmend auch als politischer Aufschrei verstanden werden kann. Ihr neues Album “Ihr seid doch auch nicht besser” ist ein Höhepunkt dieser Entwicklung. Über die wegbrechende politische Mitte und die Notwendigkeit, neue Bündnisse einzugehen.

Mehr Infos

Hamburg’s Got Groove

Die kultige Hamburger Elbphilharmonie ist für ihre irre Akustik ebenso bekannt wie für ihr Programm, das traditionelle klassische Musik mit der Musik von Rockbands, Festivals und Jazz - wie z. B. die skandinavische Pianoband Rymden - miteinander verwebt. Anlässlich des Konzertes dieser Band trafen wir das Jazztrio in der „Elphi“, wo wir tief in die Geschichte der Konzerthalle eintauchten und - neben anderen Fragen - überlegten, ob Jazz die klassische Musik des 21. Jahrhunderts ist.

Mehr Infos

Der Schweizer Tausendsassa

Dieter Meier ist jemand, den man ohne Übertreibung als musikalische Legende bezeichnen kann. Mit der Band Yello wurde der Schweizer gemeinsam mit seinem Kollegen Boris Blank in den 80ern weltbekannt. Der Sound ihrer Hits wie „Oh Yeah“ und „The Race“? Neu und experimentell, elektronisch, ein wenig gaga und dank Dieters tiefer Stimme unter die Haut gehend. Bis heute treten Yello auf. Die Musik ist dabei längst nicht Dieters einziger Ausdruck: Der Nobelmann und vermutlich best angezogene Rebell Zürichs, der sich seine Zeit eine Weile sogar als Berufspokerspieler verdingte, begann ab den späten 60ern, als Performance- und Konzeptkünstler zu arbeiten. 1972 nahm er an der Documenta 5 in Kassel teil. Auch als kreativer Unternehmer und Investor hat Dieter seine Finger überall mit im Spiel. Seine große Leidenschaft ist aber die Welt der Kulinarik und Natur und insofern seine Farm in Argentinien, wo er unter anderem Wein anbaut, Rinder züchtet und viel Zeit verbringt. Produkte aus seiner zweiten Heimat tischt er in seinen Restaurants auf — natürlich ist der Tausendsassa auch Gastronom. Gerade hat er außerdem eine Schokoladenmanufaktur hochgezogen. Irgendwo zwischen seinen vielen Projekten hat sich Dieter einen Moment Zeit genommen, COMPANION’s Questionnaire zu beantworten.

Mehr Infos

Schaffung eines Kultlabels

Alles begann mit einem bescheidenen Musiklabel und ein paar Jeans. Seit seinen Anfängen im Jahr 2002, hat sich der „Purveyor of cool” zu einer kultigen Modemarke und einem Kult-Music-Label mit Coffee-Shops in Paris und Tokio gemausert. Wie war eine solche Entwicklung möglich? Mitbegründer Gildas Loaëc ließ COMPANION wissen, wie er eklektische und klassische Elemente ausfindig macht, um in diesen schnelllebigen Branchen die nötige Frische zu bewahren.

Mehr Infos

Generating a Genre

Natascha Augustin, Senior Creative Director bei Warner Chappell, ist jene Branchenführerin mit kühlem Kopf, die Deutschlands heißeste Hip-Hop- und Rap-Acts an die Spitze der internationalen Aufmerksamkeit katapultiert – auch wenn ihre Demut sie davon abhält, überhaupt Anerkennung dafür einzufordern. Als eine Pionierin des Deutschrap seit seiner Geburtsstunde hat sie durch ihr Talent, den ständig wechselhaften Geschmack in der Popmusik zu navigieren, nicht nur Warner Chappell sondern der gesamten Industrie zu einem festen Stand verholfen. Natascha hat sich einen Moment Zeit von ihrem Nonstop-Kalender genommen, um COMPANION zu erzählen, wie sie neue Talente entdeckt, was ihr an der neuen Welle deutscher Rapperinnen gefällt und wie ihr Ausblick auf die Zukunft des Genres ist

Mehr Infos

Balladen eines Bad Boys

Es ist schwer zu glauben, dass Julian Polin – besser bekannt als Faber – erst 26 Jahre alt ist. So knirschend wie die Stimme und die Lyrics des schweizerischen Singer-Songwriters sind, müsste man eigentlich annehmen, dass er mindestens zwei Dekaden mehr hinter sich hat. Sein Debütalbum „Sei ein Faber im Wind“ aus 207, gesungen auf Deutsch, lässt wirklich kein Thema aus. Die Tracks paaren schlüpfrige Wortspiele mit treibenden Melodien, erinnern an das heisere Knurren eines Jacques Brel oder das Murmeln der Volksmusik vom Balkan – ein neues Genre melancholischer Dance Music, das die weltmüden Herzen seiner Generation fest im Griff hat. Vor der Veröffentlichung seines zweiten Albums gegen Ende des Jahres hat sich Faber aus dem Studio herausbemüht, um mit COMPANION über die verschwommenen Grenzen zwischen Fakt und Fiktion, die Langeweile in der Stadt Zürich und warum er sich nicht mit Kanye verstehen würde zu sprechen.


back to
top
now we are talking.

Besondere Einblicke in die Welt von 25hours und lokale News – hier anmelden!