Sight Jogging

Laufend die Stadt erkunden.

Von einem Wahrzeichen zum nächsten zu joggen, klingt wie Kultur-Urlaub mit Nachbrenner. Garpur - eine isländischer Truppe - hat Sight Jogging zu ihrer Lieblingsbeschäftigung gemacht.

Den Frankfurter Römer, das Rathaus der Stadt mit seiner charakteristischen Treppengiebelfassade, kennen die meisten Hessen-Touristen. Vom Sehen. Die Geschichte des dreistöckigen Gebäudekomplexes, mit aus neun zusammenhängenden Häusern und sechs Innenhöfen, hingegen nur wenige. Ingunn Sighvatsdóttir, Ingibjörg Pálmadóttir, Ingibjörg G. Jónsdóttir, Gudný Gudmundsdóttir und Júlía Björnsdóttir allerdings schon. Die Isländerinnen sind daran vorbeigelaufen. Oder besser, sie sind am Römer vorbeigejoggt – und haben dabei etwas über seine Geschichte gelernt und obendrein festgestellt, dass Frankfurt entgegen der Klischees viele schöne Seiten zu bieten hat.

Die Fünf sind nicht nur Freundinnen, sondern Lauf-Kameradinnen, die regelmäßig zusammen trainieren. Ab und an besuchen sie deutsche und europäische Großstädte, Sightseeing inklusive. Joggenderweise, natürlich. Möglichst viele Sehenswürdigkeiten in kurzer Zeit abzurennen und dabei nur oberflächlich auf Fassaden zu blicken, wird dem Anspruch des Quintetts nicht gerecht. Learning by running lautet das Motto. Jeder Punkt der Stadt-Route wird einem Paten zugeteilt, der einen kurzen Vortrag dazu hält. Während die anderen im Trippelschritt auf der Stelle laufen, um warm zu bleiben, berichtet der Pate, was es mit dem sehenswerten Gebäude, Bauwerk, Denkmal, Park oder der Kirche auf sich hat. Klick. Ein Foto mit dem Smartphone ist erlaubt. Dann geht es weiter zum nächsten Spot.

Sight Running als Sportunternehmung für Bildungsbürger? Oder Kultur-Tour für Fitness-Freaks? Weder noch! Sight Running ist vor allem eine gemeinsame Aktivität mit Freunden. Wer einmal mit den fünf Isländerinnen um altehrwürdige Häuser gezogen ist, weiß: Nicht nur leblose Bauwerke werden begutachtet – in Berlin ging es bereits am Schloss Charlottenburg vorbei durch den Zoo, um die Elefanten zu begrüßen. Und Humor ist wichtiger als die abgelaufene Kilometerzahl. Ernst nehmen die Fünf das Laufen dennoch: Stretching gehört dazu, alle trainieren ambitioniert und nehmen an Wettläufen teil.

Júlía war zuletzt beim Berliner Halbmarathon dabei. Hauptberuflich als Galeristin und Reiseleiterin tätig, weiß sie immer, wo es langgeht. „Ihre Erfahrung kommt der Gruppe zugute“, so Ingibjörg P., die als Lehrerin arbeitet. Sie war schon beim Tough Mudder-Lauf dabei – mit 20 Hindernissen auf 19 Kilometer verteilt – und zuletzt bei Krassfit, einem Off-Road-Streckenlauf. „Sie ist die Sportexpertin“, erklärt Gudný, und „hat uns am Anfang zusammengehalten, motiviert und sogar ein Übungsprogramm für uns vorbereitet.“

Gudný ist künstlerische Leiterin des Cycle Music and Art Festival. Ihr letzter Wettbewerb war der Halbmarathon in ihrer Heimat Reykjavik. „Mit ihrem großartigen Humor gibt sie der Gruppe Würze“, erzählt Ingibjorg G., die wiederum im März dieses Jahres beim Berliner Halbmarathon angemeldet war. Im wahren Leben ist sie Personalleiterin eines Unternehmens. Geschätzt wird sie als grenzenlose Enthusiastin. Ingunn, die zierliche Künstler-Managerin ist nicht nur Gruppenälteste, sondern auch Inspiration für die anderen: Sie ist die professionellste Läuferin und bringt es auf bis zu 60 Kilometer pro Woche. Auf den internationalen Marathon-strecken fühlt sie sich zuhause.
Kennengelernt hat sich die Gruppe in Berlin – die isländische Community in der Hauptstadt ist überschaubar. Man kennt sich. Die meisten liefen schon vor ihrem Beitritt zur Gruppe und schätzen die gemeinsamen Erkundungen als Ergänzung zum meditativen Einzelsport. Direkt von der Haustür aus starten zu können, draußen und ohne Kinder unterwegs, das sind die Grundpfeiler ihrer Lauf-Leidenschaft.

In Deutschland war das Quintett schon auf Sight Running-Tour in Leipzig und Frankfurt unterwegs. In der Wahlheimat Berlin gibt es gleich zwei Routen; eine führt um den Tiergarten, die andere in den Grunewald zum Teufelsberg. Im Mai beginnt die neue Sight-Running-Saison. Dieses Jahr wird Hamburg erkundet. Weitere Ziele sind schon ins Auge gefasst. Der Schlosspark von Sanssouci in Potsdam etwa (der ist so schön und vor allem grün) und somit anders als die karge Lava-Landschaft in Island. Wien, Paris, New York und die Hügelstadt San Francisco stehen auf der Wunschliste. Und Marseille: Dort wartet zumindest für Gudný die perfekte Kombination dreier Lieblingsdinge: Laufen, Rotwein und französischer Käse. Eine Stadt zu erkunden, heißt eben nicht nur schöne Orte zu sehen, sondern auch das schöne Leben zu genießen. Pausen, Picknick oder ein Stopp in einem Café sind daher fester Bestandteil der Planung. Eine Stadterkundung kann so den ganzen Tag andauern. Am Ende einer Laufstrecke stellt sich auch nicht die Frage nach der Bestzeit, sondern nach der Essensbestellung.

Garpur steht nicht auf der Order – der (inzwischen eingestellte) isländische Energydrink zählt nicht zu den bevorzugten Getränken der Damen, sondern fungierte zufällig als Namenspate. Garpur ist isländisch und heißt zu deutsch so viel wie Kämpfer und passt daher perfekt: Laufen ist – bei allem Spaß – trotzdem immer ein Kampf mit sich selbst. Die Belohnung für einen Run darf daher nicht fehlen. Bestellt wird also: Sekt. Den trinkt man in Island übrigens nicht und er ist bei den Läuferinnen zu einem typischen und liebgewonnenen Teil der deutschen Lebenskultur avanciert. Und was gibt es Besseres, als den Tag nach einem Zehn-Kilometer-Run mit den besten Freunden entspannt ausklingen zu lassen?

Wer Lust bekommen hat, selbst auf Sight Running-Tour zu gehen, kann sich anschließen:

  • London - sightrunning.co.uk
  • München - muenchen-sightrunning.de
  • New York - cityrunningtours.com/newyorkcity
  • Paris - sightrunningparis.com
  • Wien -vienna-sightrunning.at
  • Zürich - cityrunning.ch
  • Berlin - mikes-sightrunning.de
  • Frankfurt und Berlin als Download zum Nachlaufen

Dieses Portrait ist Teil einer Kollaboration mit dem Onlinemagazin Freunde von Freunden.

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