Catching the Holy Ghost

Ein Interview mit Sonny Daze.

Musik ist wie Medizin für Sonny Daze, der seine letzten Musikentdeckungen in einem Geschäft im Berliner Stadtteil Neukölln gemacht hat. COMPANION traf sich mit dem in New York City lebenden DJ, während seines Zwischenstopps in der deutschen Hauptstadt.

Was hast Du heute Morgen als erstes gehört?
Nach dem Aufwachen, die Affen und Vögel aus dem Zoo neben dem Hotel. Es klang, als hätten sie eine gute Unterhaltung geführt. Im Vergleich zu New York ist Berlin leise. Obwohl hier viel los ist, bleibt die Stadt gelassen, selbst wenn Tiere im Hintergrund zu hören sind.

Du kommst ursprünglich aus Chicago. Was hat Dich nach New York verschlagen?
Chicago ist wunderschön und ich bin stolz darauf, dort aufgewachsen zu sein. Meine Jugend in Chicago hat meine Art Musik zu machen sehr beeinflusst. New York ist anders – die Stadt ist turbulent und ich wollte unbedingt ein Teil davon sein. Ich wohne in Brooklyn, in Bed-Stuy. Früher hieß es “Do or Die Bed-Stuy” damals gehörte es noch zu den härteren Gegenden der Stadt. Mittlerweile ist das nicht mehr so. Heute sagen wir Bedford-Stuyvesant.

Das klingt weitaus seriöser …
Ja, überall sieht man Kinderwägen und die Frozen Yogurt-Läden sprießen nur so aus dem Boden.

Genau wie in Berlin-Kreuzberg. Apropos Globalisierung: Werden alle Städte in der Zukunft gleich aussehen?
Ein paar Ecken in Berlin erinnern mich an New York, wo vieles sehr vorhersehbar ist. Aber hier in Berlin fällt mir auch auf, dass viele Leute ihr Ding machen und nicht nur dem heißesten Scheiß hinterher jagen. New York ist ein sehr einsamer Ort geworden. Es geht nur noch um das Sehen und Gesehen werden und darum, welcher Promi wo feiert. Wenn ich ausgehe, möchte ich Musik hören, Spaß haben und Leute kennenlernen, statt einfach nur dabei zu sein.

Besitzt Musik die Macht, um eine solche Einstellung zu ändern?
Ich denke schon. Als ich neulich hier in der Monkey Bar aufgelegt habe, tanzten einige Gäste – obwohl in Hotelbars eigentlich nie jemand tanzt. Musik macht immer etwas mit den Menschen. Wie durch Osmose dringt sie in jeden ein.

Auf Deinem Mixcloud-Account hast du zwei Tapes mit dem Namen Der Heilige Geist hochgeladen. Was für eine Geschichte erzählen sie?
Als Amerikaner bin ich durch meine Großmutter quasi in der Kirche aufgewachsen, sie hat immer gesagt: “You have to catch the holy ghost” (“Du musst den heiligen Geist erfassen”) – ein typisch amerikanischer Ausdruck. Der Mix ist teilweise der afro-amerikanischen Kirche gewidmet, aber auch dem Spirit, den Musik transportiert. Dazu kommt, dass ich das erste Mal in Deutschland bin und die Sprache aufgreifen wollte. Eine Freundin in Wien hat den Titel und die Lyrics für mich übersetzt.

Der Mix ist sehr spirituell, fast wie ein Mantra.
Manche Passagen sind eher meditativ, während es in anderen nur um den Rhythmus geht. Musik ist meine Therapie, meine Medizin. Die Mixtapes sollen die Menschen auf eine Reise schicken.

Wie sähe eine solche musikalische Reise aus?
Das kommt immer darauf an. Ich habe gerade ein paar neue Platten im BCR (Bass Cadet Record Store) in Neukölln gekauft. Es gibt dort eine Platte namens Olokun von Drala. In der Tradition der Yoruba ist Olokun eine Gottheit bzw. ein mysteriöses Energiefeld, das am Meeresboden weilt. Dorthin wäre es doch eine schöne Reise!

Wenn der Tag 25 Stunden hätte, wie würdest Du die Extrastunde Lebenszeit verbringen?
Mit einem Spaziergang durch den Grunewald. Die Natur beruhigt mich, sie formt meine Energie. Wenn ich von hier aus (Monkey Bar im 25hours Hotel) den Engel auf der Siegessäule sehe, möchte ich einfach loslaufen. Das ist beinahe symbolisch: Ich kehre zum Heiligen Geist zurück. 

Listen to Sonny Daze
Mix for Companion Magazine on Spotify
“Companion FvF” by Sonny Daze
Berlin mixes on mixcloud.com
“Berlin Transit,” “Der Heilige Geist” and “Der Heilige Geist: Scene 2” by SonnyDaze81

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