Spotlight On women

Fabelhafte, talentierte Frauen schließen sich zunehmend zusammen, um mithilfe geballter Synergien gegen Missstände zu kämpfen. Eine dieser Communitys ist Clam Club.

Flackernde Kerzen spenden gerade genug Licht, um die Blumen- und Muschelarrangements zu bewundern, die zwischen appetitlich aussehenden Crackern und pink leuchtenden Rote-Beete-Dips auf einer langen Tafel verteilt sind. Auch der warme Duft von karamellisierter Butter liegt in der Luft, während sich ein Klirren und Brutzeln aus der offenen Küche mit Stimmen aus Restaurants verbindet – eingefangen in einem Dokumentarfilm, projiziert an die unverputzten Wände einer ehemaligen Fabriketage in Berlin-Kreuzberg.

Das Event, das dort im Freunde von Freunden Friends Space gerade warmläuft, ist nicht weniger verheißungsvoll als die kulinarischen Delikatessen, die nun stetig die Teller füllen: Die Veranstaltung – eine Mischung aus Filmscreening, Dinner und Diskussionsrunde – ist das erste Treffen von Clam Club, einem Zusammenschluss großartiger talentierter Frauen und eine von vielen feministischen Communitys, die gerade auf der ganzen Welt entstehen.

Das Ziel solcher Zusammenschlüsse ist es, Frauen mit ähnlichen Interessen, Leidenschaften und Karrierewegen zusammenzubringen, um als starke Gemeinschaft dafür zu kämpfen, dass ihre Arbeit öffentlich gesehen, gehört und respektiert wird in Branchen, die immer noch von Männern dominiert werden. Wie das Filmbusiness oder die Gastronomie, auf die sich Clam Club konzentriert. „Um im Beruf und Leben vorwärtszukommen, braucht es nun mal Netzwerke“, sagt Clam-Club-Gründerin und Kuratorin Kathrin Kuna. Die unterlägen aber allzu oft verstaubten patriarchalen Strukturen. Deshalb „müssen Frauen anfangen, sich ihre eigenen starken Gemeinschaften aufzubauen“.

Kathrin hat während ihrer Tätigkeit für die Berlinale jahrelang eng mit Filmemachern und Köchen zusammengearbeitet. Nachdem sie ihrer Frustration über den Job in einer großen Institution Luft machte, wurde sie von anderen Frauen aus Film und Gastronomie dazu ermutigt, ihr eigenes Unternehmen zu gründen – die Geburtsstunde von Clam Club. Gleich auf Kathrins erstem Event zaubert die in Dänemark geborene und in Berlin lebende Köchin Victoria Eliasdóttir, die sich in der Hauptstadt bereits erfolgreich einen Namen gemacht hat, ein Drei-Gänge-Menü, das während der ebenfalls stattfindenden Deutschlandpremiere des Films „The Goddesses of Food“ verspeist wird.

Die Dokumentation der Französin Vérane Frédiani – wohlgemerkt die dritte talentierte Akteurin des Abends, die als Regisseurin und Produzentin auch Teil des französischen Filmvereins „Le Deuxième Regard“ ist – befasst sich treffend mit der Frage, ob es überhaupt starke Frauen in der Gastronomie gibt. In der Tat: Es gibt sie. Selbstverständlich. Insofern hat sich die feministische Gretchenfrage „Warum gab es keine großen Künstlerinnen?“ zumindest schon einmal verschoben. Heute lautet sie vielmehr: „Warum werden große Künstlerinnen nicht anerkannt?“

Denn während die männlichen Küchenkollegen zahllose Erfolge feiern, bleiben die Frauen im Schatten zurück. Gepriesen für ihre Kreativität und Expertise, tun sich die männlichen Köche mit Investoren zusammen und bekommen so noch mehr Aufmerksamkeit, die in weiterer Anerkennung resultiert – und so setzt sich die Spirale bis heute fort. Für Frauen sind die Aufstiegschancen in der Gastronomie, genau wie im Film, also nach wie vor stark begrenzt.

Die Ungleichheit ist keine Frage des Gefühls, sondern lässt sich leicht in Fakten ausdrücken: In den letzten 27 Jahren wurden 361 der renommierten James-Beard-Awards an Köche verliehen – nur 81 davon gingen an Frauen. Im aktuellen Guide Michelin für 2018 ist keine einzige Köchin unter den Neuzugängen. Und im Filmbusiness sieht es nicht anders aus. 2016 hatten 92 Prozent aller Hollywoodfilme keine Frau als Regisseurin. In den letzten 88 Jahren hat nur eine Frau jemals den Academy Award für die „Beste Regie“ gewonnen. Und nicht eine einzige Kamerafrau wurde je nominiert.

Die Missstände lassen sich auch alltagsnäher formulieren. In beiden Branchen verspüren Frauen oft den Druck, sich einer aggressiven, mitunter feindseligen und chauvinistischen Arbeitskultur anpassen zu müssen, um respektiert zu werden. Frauen, die den Ton angeben, werden wiederum oft als „zickig“ oder „herrisch“ abgestempelt – während gleiches Verhalten bei Männern als Charakterstärke betrachtet wird. Und auch die Zwickmühle der Vereinbarkeit von Familie und Karriere ist in der Film- und der Gastrobranche besonders präsent, weil beide für ihre unflexiblen und langen Arbeitszeiten bekannt sind. Frauen, die trotz Kindern lang und viel arbeiten, gelten schnell als Rabenmütter. Männer haben es da leichter.

Trotz herrschender Missstände: Anstatt sich darauf zu konzentrieren, was in der patriarchalen Welt so alles falsch läuft, rücken viele der neuen feministischen Netzwerke in den Vordergrund, was die Frauen selbst richtig und vor allem richtig gut machen. Sich, seinem Talent und seiner Arbeit mithilfe einer starken Community wie Clam Club überhaupt erst einmal verstärkte Aufmerksamkeit und Würdigung zu verschaffen, die man verdient, ist dabei eine willkommene Strategie, die – es wäre zu wünschen – einen Strukturwandel in den von Männern dominierten Branchen befeuert. Im Grunde nehmen also Frauen mithilfe von solidarischen Zusammenschlüssen die „Pressearbeit“ für sich ganz einfach selbst in die Hand.

So zum Beispiel das Parabere Forum, eine unabhängige Non-profit-Organisation, die die Meinungen und Stimmen von Frauen in der Lebensmittel- und Ernährungsbranche vertritt. Oder Pantsuit Nation, eine Facebookgruppe mit mehr als 2,5 Millionen Mitgliedern, die im Oktober 2016 ursprünglich als Plattform startete, auf der Frauen ihre Unterstützung für die US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton zeigen konnten. Heute ist aus dem kleinen Projekt eine Art internationale digitale Frauenbewegung geworden.

Pantsuit Nation demonstriert, wie wichtig das Internet für den Erfolg dieser oftmals kleinen Nischengemeinschaften sein kann, um eine globale Wirkung entfalten zu können. Während Interaktion und Unterhaltungen von Angesicht zu Angesicht zwar nicht ersetzbar sind, erlauben soziale Netzwerke es, Beziehungen und Ideen auch über geografische Grenzen und Zeitzonen hinweg zu etablieren. Auch so rüstet die neue globale Bewegung Frauen mit den Ressourcen und der Unterstützung aus, die sie brauchen, um Wandel in ihren eigenen Communitys und letztlich auf der ganzen Welt zu erreichen.

Auch Clam Club organisiert sich seit Stunde null über soziale Kanäle wie Facebook. Unter dem Slogan „Spotlight on Women“ können Befürworter und Neugierige auf ihrer Seite mitverfolgen, was das Team gerade beschäftigt oder wie es um die Planung kommender Events steht. Zumindest die Facebookgruppe hat sie schon mal: satte fünf Sterne. Das ist die höchste Auszeichnung des Netzwerks – wenn das mal kein gelungener Auftakt ist.

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