Die Essenszauberer

Bompas und Parr aus London.

Sam Bompas und Harry Parr sind Meister der kulinarischen Erlebnisse. Natürlich kann man auf der anderen Seite des Atlantiks einen beeindruckenden Street Food Market besuchen, in Kopenhagen in einem High­End­Sterne-Restaurant essen, aber wo kann man ein in 55.000 Liter leuchtend grünen Wackelpudding eingelegtes Dampfschiff in Augenschein nehmen? Wo sich in einer mit Cocktail­Gas gefüllten Bar betrinken? Oder ein noch schlagendes Rinderherz essen? Das gibt es nur bei einem Event von Bompas und Parr. COMPANION hat das Hauptquartier der Food­Pioniere in London besucht, um Einblicke ins Wackelpudding­Business zu gewinnen und mehr darüber zu erfahren, wie Essen zum Entertainment wird.

Lange vor der Gründung von Bompas und Parr lernten sich die beiden Londoner im Orchester der berühmten britischen Schule Eton kennen, wo Harry Parr Cello und Sam Bompas die Violine spielte. Es dauerte allerdings noch ein paar Jahre, bis die beiden nach Abschluss der Uni – als sie sich schon eine beachtliche Karriere aufgebaut hatten – zusammenkamen und beschlossen, ihre Jobs hinzuschmeißen und sich stattdessen mithilfe von im 3D­Druck-Verfahren erstellten Formen den architektonischen Herausforderungen der Wackelpuddingherstellung zu widmen.

Natürlich hätte man diese Idee, die aus einer Laune heraus entstand, schnell als Spinnerei abtun können, aber Harry und Sam nahmen ihre beruflichen Entscheidungen schon immer sehr ernst. „Man verbringt keine 20 Stunden am Tag mit einem Projekt, wenn man das nicht tut“, erklärt Sam.

Neun Jahre später haben die beiden nicht nur ein erfolgreiches Unternehmen aufgebaut und ihre Skeptiker zum Schweigen gebracht – ihr kreativer Umgang mit Wackelpudding hat ihnen sogar eine Einladung in die Royal Society of Arts beschert –, sondern auch das elitäre Denken in der Gastronomie und Kreativindustrie aufgebrochen. Häufig werden die beiden mit Magiern verglichen, doch auch wenn ihrer Arbeit etwas Illusorisches anhaftet, ist es keinesfalls ihre Intention, Informationen für sich zu behalten oder den Betrachter hinters Licht zu führen. „Einige Köche und Künstler haben das Bedürfnis, ihre Methoden geheim zu halten, aber wir gehen immer sehr offen mit dem um, was wir machen. Wenn überhaupt, dann wollen wir zum eigenständigen Lernen anregen“, sagt Sam. Und die Installationen repräsentieren auch nur einen Teil der Magie. Hinter allen Projekten steckt gründliche wissenschaftliche Recherche, die hauptsächlich hier, im Bompas­und­Parr­Hauptquartier im Londoner Stadtteil Southwark, stattfindet, wo Sam jetzt sitzt und erzählt. Von Studios über Küchen und Bibliotheken bis hin zu Konferenzräumen und Werkstätten ist in den Räumlichkeiten alles vorhanden, was nötig ist, damit die Macher sich in jeden Schritt des Prozesses einbringen können – aktuell befindet sich das Headquarter jedoch im Umbruch. „Wir ziehen gerade mit den Studios um“, sagt Sam. „Ich bin also gerade von Bauschutt umgeben.“

Was Bompas und Parr so einzigartig macht, ist die pure Entschlossenheit, verrückte Ideen zu verwirklichen, in Kombination mit der aufwendigen Forschung, die dafür nötig ist. Unerwartete Elemente aus Kultur, Geschichte, Wissenschaft, Technologie, Design, Branding und Schauspiel gepaart mit persönlichem Engagement vermischen sich so zu besonderen Erlebnissen. Harry und Sam sind moderne Erfinder und der Beweis, dass man mit ein bisschen Vorstellungskraft sehr weit kommen kann. 

COMPANION: Wie kam es dazu, dass Ihr Wackelpudding zu Eurem Beruf gemacht habt?
SAM BOMPAS: Es gab nie einen offiziellen Plan. Anfänglich wollten wie einfach etwas Spaßiges am Wochenende machen. Aber glücklicherweise scheinen wir schon immer gut darin gewesen zu sein, Dinge zu finden, die wir lieben, und diese dann kreativ und kommerziell zu verfolgen.

Verbringt Ihr immer noch viel Zeit selbst in der Küche oder habt Ihr ein Team, das Euch hilft?
Ich mache noch Cocktails und Desserts, aber wir haben inzwischen ein größeres Team, das in den meisten Dingen viel besser ist als wir. Letztendlich konkurrieren wir mit Profis im Bereich Essen, die unheimlich viele Skills und Lebenserfahrung haben. Wenn ich ins Fernsehen eingeladen werde und dort ein bisschen was schnipseln soll, ist das offen gesagt ziemlich peinlich für mich! Unser großes Team ermöglicht es uns, mehr zu lesen und zu lernen. Mir kreative Konzepte einfallen zu lassen und diese dann zu verwirklichen, ist der Teil meines Jobs, den ich am meisten genieße. Alles ist möglich – es ist nur eine Frage von Budget, Zeit, Sachkenntnis und einem interessierten Publikum. Natürlich muss auch das Essen sehr gut sein, aber das ist noch längst nicht alles ...

Das, was Ihr macht, hat viel mit technischer Zauberei zu tun. War die Verbindung von Lebensmitteln und Technologie schon immer Euer Ziel?
Wir haben auf Technologie nie um ihrer selbst willen zurückgegriffen, sondern als Mittel zum Zweck. Wir haben von Anfang an 3D­Drucker benutzt – nicht, weil es eine neue, sexy Technologie war, sondern weil es schlicht nicht anders möglich war, so große Formen für Wackelpudding herzustellen. Dasselbe gilt für anderen Technologien wie CAD Modelling, Virtual Reality, Hologramme, die unerwartete Verwendung von Geschmacksrichtungen ... Das alles klingt lustig, aber sobald man mehr darüber weiß, kommt es einem nicht mehr merkwürdig oder magisch vor.

Woher kommen die ersten Ideen für ein Projekt?
Von überall, egal, ob es ein Interesse an der Zukunft ist, das Verständnis für den Tod und welche Bedeutung dieses für die zukünftige Erbauung von Denkmälern hat, Klettern oder tropische Früchte. Aktuell habe ich einige inspirierende Bücher auf meinem Schreibtisch liegen: „The Book of Human Emotion“ (dt. „Das Buch der menschlichen Emotionen“), „Chicken: Low Art, High Calorie“ (dt. „Huhn: Wenig Kunst, viele Kalorien“), „Sex and Buildings“ (dt. „Sex und Gebäude“), „The Science of Ice Cream“ (dt. „Die Wissenschaft von Eiscreme“) und „How to Stop Smoking“ (dt. „Wie man aufhört zu rauchen“). Ich rauche zwar nicht, bin aber an der Psychologie dahinter interessiert.

Worauf richtest Du Dein Augenmerk?
Ich interessiere mich sehr für Wellness – die Idee, dass sich Leute vom Alkoholtrinken abkehren und sich bewusster mit ihrem Konsum auseinandersetzen. Das hat mich zu rituellem Aberglauben und Geistern geführt. Heutzutage glauben 50 Prozent der Londoner an Geister, 1950 waren es nur zehn Prozent – das ist unglaublich. Mich haben außerdem schon immer die Grenzen menschlicher Wahrnehmung und im weiteren Sinne das Bewusstsein fasziniert, besonders in Bezug auf Essen. Alle Lebensmittel haben psychoaktive Effekte, weil sie alle Endorphine freisetzen. Muskat etwa kann unter Umständen alle schlechten Effekte von LSD verursachen, allerdings nur in extrem hohen Dosen. Es gibt also einen Grund, warum es so leicht erhältlich ist, und zwar, weil du schwachsinnig sein müsstest, um zu versuchen, damit einen Kick zu bekommen. 

Haben Euch auch andere Künstler inspiriert?
P. T. Barnum und Edward Bernays hatten einen großen Einfluss auf uns – allerdings nicht unbedingt als Individuen, sondern mit der Art und Weise, wie sie ihre Ideen umgesetzt haben. Bezogen auf das, was zurzeit passiert: Das Szenenbild der Londoner Veranstaltungsreihe „Secret Cinema“ ist phänomenal. Und die Designerin Faye Toogood kreiert eine wunderschöne Ästhetik.

Ihr seid irgendwas zwischen Künstlern, Kreativdirektoren, Historikern, Caterern, Wissenschaftlern und Erfindern. Wie seht Ihr Euch selbst?
Wenn überhaupt, würde wir uns selbst nur als Erlebnis­Designer bezeichnen. Wir sind keine Künstler. Für uns ist das Publikum das Wichtigste, nicht wie wir selbst rüberkommen. Wir wollen keine Emotionen vorschreiben, sondern die Neugier der Menschen und ihr Staunen über die Welt anregen, sodass sie am Ende gehen und ihre eigenen Abenteuer erschaffen.

Auf welches Eurer Projekte hat das Publikum am besten reagiert?Eines unserer größten Projekte war ein multisensorisches Feuerwerk für circa eine Viertelmillion Menschen, bei dem man das Feuerwerk schmecken konnte, als es explodierte. Bei einem anderen Projekt haben wir sautierte Rinderherzen serviert, die noch geschlagen haben – das war eine sehr intuitive Untersuchung der Beziehung, die wir zu unserem Essen haben. Wir haben auch mal ein Festessen über Lava gekocht, für das wir einen 1,1 Milliarde Jahre alten Stein eingeschmolzen haben. Das war aufregend. Das würde ich gern noch mal in einem größeren Maß machen.

Woran arbeitet Ihr aktuell?
Das British Museum of Food ist unser Hauptprojekt. Ende letzten Jahres hatten wir eine erste Installation auf dem Borough Market (Anm. d. Red.: einer der größten und ältesten Lebensmittelmärkte in London), aber jetzt suchen wir nach einem dauerhaften Standort. Es scheint nirgendwo etwas dieser Art zu geben. Es gibt das Dutch Institute of Food and Design, aber das hat eine wesentlich begrenztere Perspektive in Bezug auf das, was sie interessiert. Wir möchten jeden ansprechen. Zusätzlich machen wir gerade noch diese Sache, die sich „Romancing the Armpits“ (dt. „Umwerben der Achseln“) nennt und Teil unserer Installation „Alcoholic Architecture“ ist. Das ist so was wie Pheromon­Speeddating. Man kann die andere Person sehen und mit ihr sprechen, aber man begrüßt sich mit einem unangenehmen Riechen der Achsel, anstatt sich polierte Anekdoten anhören zu müssen. Auf kurze Sicht gesehen: Heute werde ich noch über Kryptologie und die Zukunft der Bentobox sprechen und versuchen, die Abstammung aller Würste weltweit zu einer Ausgangswurst zurückzuverfolgen.

Lebensmittel und Getränke ins Zentrum Eurer Projekte zu stellen, führt dazu, dass sehr konzeptuelle Ideen verständlicher werden. Warum, glaubst Du, lassen sich Menschen leichter auf Lebensmittel und Getränke ein als auf anderen Medien?Lebensmittel sind ein wunderbares Medium, weil sie so demokratisch sind. Jeder kann eine Meinung darüber haben. Sie können zwar auch sehr konzeptuell sein, müssen es aber nicht. Die Hauptfähigkeiten sind, dass Lebensmittel physisch und lebenswichtig für uns sind. Als wir angefangen haben, war die Kultur rund ums Essen sehr grimmig und elitär. Wir wollen zeigen, dass Lebensmittel Spaß machen können. Grundsätzlich sollten sie eine wundervolle Quelle für Genuss im Leben sein und nicht für Selbsthass und Schuldgefühle.

“Alcoholic Architecture,” until July 2016
www.alcoholicarchitecture.com
www.bompasandparr.com 

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