The Good Bag

Upcycling - canvasco macht es vor.

Beim Bremer Label canvasco entstehen seit 2003 aus ausrangierten Segeln praktische Umhängetaschen, Turnbeutel und neuerdings auch modische Rucksäcke. Das ist gut für die Umwelt, weil durch das „Upcycling“ Ressourcen sinnvoll genutzt werden. Gefertigt werden die grünen Lifestyle-Bags im niedersächsischen Frauengefängnis – so leistet Gründer Jan-Marc Stührmann gleichzeitig einen Beitrag zur Resozialisierung der Insassinnen.

Eine gute Tasche ist wie ein Schiff auf rauer See. Laptop, Unterlagen, Handy, Schlüssel, Frühstücksdose – im stürmischen Gewusel des Alltags findet in der tragbaren Kombüse alles Wichtige seinen Platz. Gut geschützt, kann den Habseligkeiten so trotz Wind und Wetter nichts passieren. Eine Tasche über der Schulter ist aber auch ein Anker. An ihr kann man sich in unsicheren Momenten schon mal festklammern, wenn es sein muss. Das trifft besonders auf die Segeltuchtaschen des Bremer Labels canvasco zu. Seit bald 15 Jahren gibt es die robusten Urban Bags, in die so viel reinpasst, dass man mit ihnen locker für mehrere Wochen den Atlantik überqueren könnte. Obendrein sind die Umhängetaschen wasserabweisend und waschbar, die Trageriemen halten 6000 Kilogramm aus, heißt es. Jeder der sechs Streifen auf den breiten bunten Gurten steht für einen Zentner Halt. Damit ließe sich sogar ein Boot abschleppen.
Gründer Jan-Marc Stührmann kam eher zufällig zu seinem Geschäft. Schon während seines Lehramtsstudiums merkt er, dass ihm der Unterricht zu fad wird. Er heuert in einer Werbeagentur an. Dann kommt der Auftrag zur Neugestaltung eines Segelmagazins. Für Jan-Marc, selbst Freizeitkapitän, ein willkommener Job. Die Magazine in einem Segeltuch zu verpacken, schwebt ihm vor. Gegen ein paar Mark für die Kaffeekasse darf er sich bei einem Bremer Segelmacher ausrangierte Stoffe abholen. Das Material gefällt ihm so gut, dass er sich von einem Freund eine Tasche daraus fertigen lässt. Auf der Straße wird er immer häufiger darauf angesprochen und beschließt, ein Label zu gründen. Ein Name ist bald gefunden: canvasco; eine Kombination aus Canvas, dem Segeltuch, und Vasco da Gama, dem Seefahrer und Entdecker. Das war 2002. Mittlerweile hat Jan-Marc mehr als 150.000 Taschen in die Welt verschifft.

Der ehemalige Waldorfschüler lässt seine Produkte in Deutsch-land produzieren, „das war für mich von Anfang an klar“. Er möchte ein Lifestyle-Produkt an den Markt bringen, aber auch einen Beitrag für die Gesellschaft leisten. In Upstate New York hatte er als junger Mann ein Jahr in einer Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung gearbeitet. Eine Zeit, die ihm viel Freude bereitete und ihn langfristig prägte. Jan-Marc lernte, „dass jeder einen Beitrag leisten kann, nur eben in seinem Rahmen“. In Bremen klopft der Jungunternehmer beim Martinshof an, einer bekannten Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Zu schwierig in der Umsetzung seien die Taschen, heißt es dort. Über einen Freund bekommt er den Kontakt zur Justizvollzugsanstalt Vechta im benachbarten Nieder-sachsen. Mit einem Prototypen schaut er in der Schneiderei vorbei. „Der Leiter war sofort von der Idee begeistert“, sagt er, „und fragte: ‚Wie viele Taschen sollen es denn sein?‘“ Mit 50 Segeltuchtaschen ging es 2003 los, heute sind es um die 1500 pro Monat.

Modelle von canvasco werden nun auch in der JVA Hildesheim und zwei weiteren sozialen Einrichtungen gefertigt. Mittlerweile gibt es auch Taschen aus Leder, in nahen Betrieben um Vechta her-gestellt. „Dort haben die Näherinnen vorher Bettwäsche für die Bundeswehr genäht und Bekleidung für das Krankenhauspersonal geflickt – nicht gerade eine prestigeträchtige Aufgabe“, erzählt Jan-Marc. „Mit den Lifestyle-Taschen können sich die Damen ein Stück weit identifizieren; sie fragen häufig, ob sie auch eine für sich machen können, wenn ihre Haftstrafe dem Ende zugeht.“

Rund die Hälfte der Frauen sitzt wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz ein. Ansonsten ist von Diebstahl über Raub bis Mord alles vertreten. „Meiner Meinung nach gehören 90 Prozent der Damen dort gar nicht hin“, sagt Jan-Marc. Die wenigsten Menschen würden als Verbrecher geboren. Schwierige Umstände, etwa Gewalt in der Familie, ließen gewisse Taten erst passieren. „Viele der Täterinnen waren zuerst Opfer“, sagt er. Der Job in der Näherei gibt den Insassinnen einen Alltag, Struktur und eine Beschäftigung. Durch die Arbeit an den canvasco-Modellen hätten einige von ihnen das erste Mal eine echte Aufgabe; die Taschen sind außerdem die Schnitt-stelle vom Leben drinnen zum Leben draußen. Wenn jemand mal besonders zufrieden mit einer Tasche ist, wird das einer Näherin erzählt. Und schon häufiger waren die Modelle im Fernsehen zu sehen. Auch im „Tatort“ – „das ist natürlich super, wenn man sieht, etwas ganz Besonderes geschaffen zu haben.“

Natürlich gebe es auch kritische Stimmen. „Manche Menschen stören sich ganz einfach an der Idee“, sagt Jan-Marc. „Wieder andere glauben, dass in einer JVA keine gute Qualität geliefert werden kann.“ Es stimmt, die wenigsten der Frauen haben Erfahrung im Umgang mit der Nähmaschine. „Das kann man aber lernen.“ Eine canvasco-Tasche entsteht in mehreren, standardisierten Arbeitsschritten. Jede Näherin durchläuft alle, fängt anfangs bei der leichtesten an. Sicherlich hätten einige Damen mehr Talent als andere. „Aber am Ende steht immer die Qualitätskontrolle und was fehlerhaft ist, wird ganz einfach aussortiert."

Ein weiterer Vorwurf, den sich Jan-Marc häufiger anhören muss, ist, dass er seine vergleichsweise teuren Taschen – das klassische Modell „Retro“ kostet 179 Euro im Verkauf – „ordentlich subventioniert zu günstigen Dumpingpreisen“ fertigen lässt. „Das stimmt natürlich nicht. Die Schneiderei der Justizvollzugsanstalt darf gar nicht günstiger arbeiten als der freie Markt“, so Jan-Marc. „Alles andere wäre staatlich subventionierte Wettbewerbsverzerrung.“ Für die Produktion im Gefängnis gebe es strenge Regularien, ebenso für den Lohn der Inhaftierten. Das Geld, das die Näherinnen für ihre Arbeit bekämen, liegt laut Jan-Marc bei gesetzlich festgeschriebenen 13 Euro am Tag. Ein Teil der Summe werde bis zur Entlassung verwahrt, der Rest stehe ihnen zur freien Verfügung.

Die Früchte der Arbeit der Näherinnen haben es heute längst über die Grenzen Bremens hinaus geschafft. In rund 380 Läden wer-den die Modelle nach Europa und Übersee verkauft. Ein Teil des Geschäfts läuft auch über Kooperationen. Bei Daimler bekamen Kunden eine Zeit lang beim Kauf eines Neuwagens eine canvasco-Tasche, in der sich die Autopapiere befanden. „Davon hat man natürlich länger etwas als von einer Flasche Sekt“, lacht Jan-Marc. Und: „Das Gute bei uns ist, dass sich die Taschen personalisieren lassen.“ Auch in ausgewählten 25hours Hotels gibt es solche Customize-Modelle, etwa mit einem „25h“-Schriftzug oder, im 25hours Hotel Bikini Berlin, mit einem Affenmuster als Anspielung auf den Zoo. Hotelgäste können sich die Segeltuchtaschen für Ausflüge leihen und auch kaufen. „Das passiert überraschend häufig“, sagt Jan-Marc. Grundsätzlich sind alle Taschen von canvasco Unikate, weil jedes Segeltuch anders ist und sich durch das jeweilige Zusammennähen immer andere Anschnitte ergeben. Zusätzlich lassen sich im canvasco-Onlineshop die Taschen mittlerweile auch über einen Konfigurator personalisieren.

Wenn es darum geht, eine neues Modell oder Muster zu entwerfen, arbeitet Jan-Marc lieber mit Hochschulen zusammen als mit einem festen Design-Team. „Die haben was davon, weil sie schon als Studenten einen realen Kunden haben“, sagt er. Dass das für ihn am Ende des Tages kostengünstiger ist, dürfte auch eine Rolle spielen. Generell steht er aber jungen, frischen Vorschlägen immer offen gegenüber, die Hierarchien bei canvasco sind flach. Seine Mitarbeiterin Marie Beckmann hat zum Beispiel gerade ihre zweite Tasche entworfen. Einen ziemlich modischen Rucksack, der jetzt in den Handel gekommen ist. Den Rucksack wird man auf den Straßen der Großstädte in Zukunft wohl häufiger sehen. Seine minimalistische Form, das urbane Grau und ein leuchtend pinker Reißverschluss sind auf der Höhe des Moments.

„Die Näherinnen haben vorher Bettwäsche für die Bundeswehr produziert – nicht gerade eine prestigeträchtige Aufgabe. Mit den Lifestyle-Taschen können sich die Damen identifizieren.“

canvasco.de

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