The Present is Female

Die Musik-Szene ist eine Domäne, in der Frauen traditionell eher die passive Seite bekleideten: als Fans vor der Bühne, als Muse zur Inspiration - oder als Groupie. Klingt antiquiert? Ist auch so! Vor, hinter und neben der Bühne gibt es längst großartige Frauen, die mitmischen. Es ist Zeit, dass die Gender-Balance auf Festival-Line-Ups sich einstellt, dass sich der Gender Pay Gap in der Kreativ-Branche schließt und führende Positionen in großen Labels und etablierten Musikmagazinen auch mal von Frauen besetzt werden. Sind wir hier etwas utopisch unterwegs? Wohl kaum. Schauen wir uns in der Szene um, fallen vor allem bedeutende Akteurinnen auf, die sich Gehör verschaffen, für Freiräume sorgen und Game-Changer sind.
COMPANION hat sich diese Ausgabe auf die Berliner Musik-Szene konzentriert und porträtiert Frauen, die die Branche spannend und aufregend machen: DJs, Sängerinnen, Veranstalterinnen, Schreiberinnen und Aktivistinnen


 

Hoe__Mies: Die Freiheit des Feierns

Eine Partyreihe als gesellschaftliches Statement: Lucia Luciano und Gizem Adiyaman organisieren Events als Alternative zur männlich dominierten Hip-Hop-Szene. Partys für Frauen, für die queere Community, für People Of Colour. Damit sind sie nicht nur erfolgreich, sondern polarisieren auch. COMPANION spricht mit ihnen über Vibes, Skepsis und R. Kelly.

COMPANION: Was hat Euch dazu bewogen, Eure eigene Partyreihe zu starten?

Lucia: Beim Ausgehen hat uns oft die Stimmung nicht gefallen. Wir haben einfach gemerkt, dass uns in der Hip-Hop-Szene etwas fehlt: Als Frau kann man sich im Nachtleben nicht so geben, wie man möchte. Ziehst du dich falsch an, kann das direkt als Einladung missverstanden werden. Das hat uns genervt.
Gizem: Genau. Wenn man ausgeht, möchte man sich ausleben. Man soll sich so geben können, wie man will – ohne Einschränkungen oder Befürchtungen.

Ihr schafft mit Euren Events also sichere Freiräume im Nachleben?

Lucia: Wir arbeiten stets daran safe Spaces zu schaffen, allerdings können wir für nichts garantieren. Entscheidend ist hierbei ja immer ein gewisses Bewusstsein den Mitmenschen gegenüber. Auf Hoe__Mies Partys passt man aufeinander auf und achtet darauf, dass sich alle wohlfühlen. Das klappt auch sehr gut. Der Vibe ist total angenehm.

Ihr habt vor etwa zwei Jahren mit Eurem Projekt angefangen. Gab es viel Gegenwind?

Lucia: Aus unseren Kreisen gab es immer Support und nach den Events vor allem positive Rückmeldung.
Gizem: Natürlich gibt es immer, wenn man etwas Neues startet, auch skeptische Kommentare. Uns wurde zu Anfang etwa gesagt, dass wir früher oder später männliche DJs buchen müssen, sonst würde keiner unsere Events besuchen. Das hat sich als falsch herausgestellt. (lacht)

Absolut, Ihr seid aktuell wahnsinnig erfolgreich unterwegs – und derzeit als Vorband von Bilderbuch auf Tour. Wie hat sich das ergeben?

Gizem: Ich habe auf einem Event in Wien aufgelegt, auf dem zufällig auch Maurice (Leadsänger von Bilderbuch, Anm. d. Red.) war. Ihm hat es total gefallen und er hat mich kontaktiert. Ich kannte Bilderbuch vorher gar nicht so wirklich – habe auf deren Einladung hin dann aber auf ihrer After-Show-Party aufgelegt. Und irgendwann kam an uns dann die Einladung, mit auf Tour zu gehen.
Lucia: Das ist schon was ganz anderes, als im Club aufzulegen. Wir müssen Hosten und uns ganz anders auf die Crowd einlassen. Aber es funktioniert und macht sehr viel Spaß.

Hoe__Mies ist also längst kein Nebenprojekt mehr?

Gizem: Nein, wir beide arbeiten quasi Vollzeit am Projekt Hoe__Mies.
Lucia: Es ist ja auch nicht nur das Auflegen und die Partys. Wir sind mittlerweile auch eine Plattform für andere Künstlerinnen. Teilweise werden wir sogar von Bookern kontaktiert, die von uns Empfehlungen wollen, welche weiblichen oder queeren DJs sie für ihr Programm buchen können. Wir haben dieses Jahr auch noch weitere Projekte für Hoe__mies geplant. Es bleibt also spannend bei uns.

Leider scheinen weibliche Künstlerinnen immer noch nicht entsprechend sichtbar zu sein.

Gizem: Absolut. Das liegt aber eben auch daran, dass die gesamte Infrastruktur im Business und in der Szene männlich dominiert ist.
Lucia: Bei unseren öffentlichen Playlists achten wir darauf vor allem weibliche und queere Artists vorzustellen. 

Neben der Musik erhebt Ihr auch anderweitig eure Stimme für das, was Euch wichtig ist. Zusammen mit Journalistin Salwa Houmsi habt Ihr dafür gekämpft, dass die Aufritte R. Kellys, der mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs konfrontiert wird, in Deutschland nicht ohne Weiteres stattfinden können.

Lucia: Wir stehen für das ein, was uns wichtig ist. Schwarze Frauen haben in ihrer Lebenswirklichkeit mit unterschiedlichen Unterdrückungsformen zu tun und sind oft nicht sichtbar – mit diesen Frauen, die auch Opfer R. Kellys waren und sind, wollen wir uns solidarisieren.
Gizem: Man merkt auch, dass sich da im Business einiges tut. Früher hatten Musiker eine gewisse Immunität inne. Das ändert sich gerade, das Bewusstsein ändert sich. Aber natürlich ist mit einer Petition nicht alles getan. Es muss weitergehen.


 

Gosh Magazin: Schöner unabhängiger Musikjournalismus 

Es steht schlecht um den Printmarkt: Seit Jahren wird ihm der langsame aber sichere Tod prophezeit. Besonders der popkulturelle Bereich musste 2018 einige herbe Schläge hinnehmen: In Deutschland stellte zum Beispiel „Intro“ nach 25 Jahren des Bestehens den Dienst komplett ein, die „Groove“ und die „Spex" erscheinen nicht mehr physisch, versuchen es aber nun mit einem Online-Angebot. Nicht die aussichtsreichste Zeit also, um ein neues Print-Musikmagazin auf den Markt zu bringen – könnte man meinen. 

Jördis Hagemeier und Sophie Overwien hat das wenig beeindruckt. Das „Gosh Magazin“ erblickt dieses Jahr zum ersten Mal das Licht der Welt. „Ich glaube nicht, dass Printmedien aussterben. Der Anspruch an Print verändert sich nur,“ erklärt Jördis. „Klar braucht man kein Heft mehr um sich Infos über Bands oder Tourdaten einzuholen. Aber gute Texte und Geschichten lesen sich auf schönem Papier immer noch am besten.“ Jördis ist freie Journalistin und lebt in Berlin. Sophie arbeitet als Grafikdesignerin und wohnt in Düsseldorf. Die beiden kennen sich schon seit der Schulzeit und der geteilten Liebe zu Techno-Clubs. 

„Gosh“ ist ein Heft, dass sich dem Zusammenhang zwischen Pop und Design widmet. Es geht um die gegenseitige Beeinflussung von Ästhetik, Design und Musik. „Wir wollten weder das Thema Design noch das Thema Musik zu streng angehen. Magazine zum Design sind oft so verkopft, Musik-Magazine zu nerdy,“ erklärt Sophie. „Ich finde, das ist uns auch ganz gut gelungen.“

Die beiden haben lange an der Verwirklichung des gemeinsamen Projekts gearbeitet. Besondere Learnings gab es an der bürokratischen Front. „Es ist schon erstaunlich, wie kompliziert Kreativprozesse eingefasst sein können. Es war jedenfalls ein ziemliches Abenteuer an einen Barcode für unser Magazin zu kommen,“ erklärt Jördis und lacht. Der Musikjournalismus ist, wie so viele Bereiche der Branche, überwiegend männlich geprägt. Kann das „Gosh Magazin“ also als Aufmischen der Szene betrachtet werden? „Überhaupt nicht. Wir haben nie gedacht: ‚So, nun machen wir als Frauen ein Musikmagazin und zeigen es den Männern!‘ – das war nie unsere Idee. Wir wollten einfach unser Projekt verwirklichen“, sagt Jördis.

Zum Thema Gender-Equality sind sie und Sophie sich einig: Es sollte längst egal sein, welchem Geschlecht jemand angehört. „Wir haben ja zum Beispiel auch einen männlichen Künstler auf dem Cover unserer ersten Ausgabe. Ross From Friends verehren wir seit Jahren, wir waren total glücklich, dass wir ihn für unser Heft gewinnen konnten. Er ist auf dem Cover gelandet, weil wir seine Musik sehr mögen – nicht, weil wir dachten, das verkauft sich gut. Es hätte genauso gut eine Frau sein können.“Das Magazin wurde dank Crowdfunding-Kampagne finanziert. Das Projekt ist so vollkommen unabhängig – die Regeln bestimmen die beiden Heftmacherinnen selbst. „Wir hatten eigentlich vor, zwei Mal im Jahr zu erscheinen. Aber inwiefern das zeitlich klappt, werden wir sehen“, erklärt Sophie. Jördis wirft ein: „Wir haben keine Lust, uns da irgendwas zu unterwerfen. Davon bekommt man nämlich Burnout! Wenn wir die zweite Ausgabe in diesem Jahr schaffen, ist es cool, wenn sie später kommt, auch gut. Es wird aber definitiv weitere Ausgaben geben und darauf freuen wir uns.“


 

No Shade: Kollaborationen statt Konkurrenzkampf

Hinter dem Ausdruck „to throw shade“ steckt weit mehr, als eine bloße Beleidigung. „Shade“ ist ein Slangwort, das in der queeren Latinoszene entstand und durch die 1990 erschiene Dokumentation „Paris Is Burning“ erstmals öffentlich wurde. Regisseurin Jennie Livingston porträtierte darin die New Yorker Dragszene der 1980er, die in der Subkultur der Voguing-Balls die Anerkennung fand, die ihnen die Gesellschaft verwehrte.

Es scheint kein Zufall, dass sich das Berliner DJ- und Künstler*innen-Kollektiv No Shade dieser Referenz bedient. Vor etwa zwei Jahren gegründet, geht es den 17 Mitglieder*innen um die Sichtbarkeit von Frauen und non-binären Menschen im DJ-Business. „The initiative was taken due to a clear gap and need for it in the local scene in Berlin“, erklärt No-Shade-Mitglied Ves Holseter und meint damit die homogene DJ-Landschaft, die auch in einer so bunten Stadt wie Berlin hauptsächlich von weißen Cis-Männern dominiert wird. „Our philosophy is to provide opportunity and platform, contribute to even out the balance and bring different identities together through collaboration.“ Konkret heißt das, dass sich No Shade als Mentor*innen-Programm für aufstrebende DJs versteht. Auf jedem Line-Up ihrer regelmäßig stattfindenden Partyreihe sind daher neben den bekannten Headliner*innen zwei Slots für Newcomer*innen reserviert. Um diese optimal vorzubereiten bietet No Shade ein einmonatiges DJ-Training-Programm an, bei dem erfahrene Mentor*innen den Umgang mit Live-Hardware und Software, sowie persönliche Tipps und Tricks in privaten DJ-Sessions vermitteln. 

Ves macht sich allerdings keine Illusionen, dass sich allein durch die vielen guten, diversen DJs die homogenen „all-male Line-Ups“ bald von selbst erledigen. „A 50/50 quota shouldn’t really be necessary, because the DJs and quality are already there. Yet people tend to stay in their own box. So until the industry gets their eyes up, maybe they could use a push in the right direction.“ Diesen Denkanstoß will No Shade geben. Besonders wichtig ist dem Kollektiv dabei auch, dass es nicht nur eine ideelle Anerkennung der künstlerischen Leistungen gibt. Die DJ-Gigs, die sie Newcomer*innen reservieren, sind alle bezahlt. Ves wünscht sich, dass auch das Publikum und die Industrie mehr Bereitschaft zeigt, weibliche und queere Künstler*innen besser zu entlohnen – das Gender-Pay-Gap macht leider auch vor der Partyszene nicht Halt. Vor allem wünscht sich Ves aber mehr Diversität auch unter Booker*innen, Manager*innen und Journalist*innen. Und: „More collabs than competing.“ In anderen Worten: No Shade.


 

Jayda G: Move To The Front!

Jayda Gs früheste musikalische Erinnerung ist, wie ihr Vater im Wohnzimmer zwischen stapelweise CDs saß und Mixtapes für ihre langen Roadtrips aufnahm. In ihrer kanadischen Heimat können Autofahrten durchaus mal mehrere Tage dauern. Im Auto hörte sie die Disco-, Soul- und R’n’B-Klassiker ihres Vaters, während draußen die kanadischen Berge und Wälder vorbeizogen. Kein Wunder also, dass sie später „Umwelt- und Ressourcenmanagment“ studierte – und DJ wurde. „Die Verbindung zwischen Musik und Umwelt ist die Essenz dessen, womit ich aufgewachsen bin“, antwortet Jayda G, wenn man sie fragt, wie diese beiden Felder zusammenpassen. Für sie war es nur ein logischer Schritt, auf ihrem im März erschienenen Debütalbum „Significant Changes“ über tanzbare House-Beats den Klimawandel zu thematisieren: „Ich habe das Album parallel zu meiner Abschlussarbeit produziert, in der ich mich mit den gesundheitlichen Folgen von Chemikalien auf Orcas an der Küste Vancouvers beschäftigte.“ Auf dem Ambienttrack „Orcas’s Reprise“ hört man deshalb die Wale singen, in „Misty Knows What’s Up“ samplet sie Biologin Misty McDuffe, die vor Gericht über den Schutz der Meerestiere sprach. Aber ist der eskapistische Dancefloor der richtige Ort für politische Aufklärung? „Man kann nicht vor der Umwelt fliehen“, sagt Jayda G. „Wenn Menschen in einem positiven Zustand, in dem sie ein bisschen offener sind als sonst, mit solchen Themen konfrontiert werden, hallen sie vielleicht besser nach.“

Doch Jayda G möchte nicht predigen, sondern vor allem die positive Energie zurück in die Clubszene bringen, die sich oft selbst zu ernst nimmt. 2016 ist sie von Vancouver nach Berlin gezogen und hat seitdem fast jedes Wochenende irgendwo in Europa gespielt. Während ihrer DJ-Sets, in denen sie Grace Jones mit Diana Ross, Disco und Tropical Beats mit souligen House-Bangern vermischt, ist Jayda G diejenige, die am meisten tanzt und jeden Refrain am lautesten mitsingt. Mit ihrer Empowerment-Hymne „Move To The Front“ fordert sie Frauen auf, während ihrer Sets nach vorne zu kommen und die Wand aus „Fist-Pumping-Bros“, wie sie die homogenen Männergruppen auf dem Dancefloor scherzhaft nennt, zu durchbrechen.

Jayda G weiß, dass sie als Frau und woman of colour im männlich dominierten DJ-Business eine Vorbildfunktion hat. Daher ist es für sie die schönste Bestätigung, wenn sich Frauen und people of colour durch sie ermutigt und repräsentiert fühlen. „Eine Frau hat mal nach einem Set zu mir gesagt: ‘Zu sehen, wie du da oben du selbst bist, gibt mir Kraft ich selbst zu sein’ Das ist das größte Kompliment.“


 

Katinka Brundiers: Bloß nicht langweilig werden

Katinka Brundiers kam Mitte der 90er nach Berlin – und zog vor Kurzem mit ihrer Familie an den Stadtrand. “Mal mehr Bäume als Menschen. Das fanden wir gut,” sagt sie. Mit ihrem Projekt “Zwergstadt” ist sie aber sowieso den gesamten Sommer über mittendrin: Katinka und ihre Crew rücken aus, um auf Festivals wie dem Lollapalooza für das Programm der ganz kleinen Gäste zu sorgen. “Wir sind quasi ein mobiler Wohlfühlort für Kinder.” Katinka startete die “Zwergstadt” vor fünf Jahren und traf damit den richtigen Nerv.

Es war eine Zeit, in der sich die Musik-Szene bereits verändert hatte: CD-Verkäufe bringen längst nicht mehr das große Geld, das Publikum sucht eher nach Events und Erlebnissen. Die Folge: Festivals werden immer populärer und das Angebot diverser. Damit entstehen plötzlich auch Bedürfnisse, die vorher kaum da waren: Wohin mit den Kids, wenn man als Familie auf ein Festival möchte? Mit Mama und Papa vor der Bühne stehen und den Bands zuschauen? Auf Dauer viel zu langweilig! Auf dem “A Summer’s Tale” etwa gibt es für die Besuchenden nicht nur ein gut kuratiertes Line-Up, sondern auch Wein-Seminare, verschiedene Workshops, Lesungen – und ein Programm für Kids, das dem der Erwachsenen in nichts nachsteht. “Als ich selbst Mutter geworden bin, ist mir erst so richtig klar geworden, dass ein solches Angebot fehlt. Und selber etwas gründen, meine eigene Chefin sein – das wollte ich sowieso schon länger.” Katinka war beruflich immer mehrgleisig unterwegs: Sie arbeitete als Sozialpädagogin und nebenher in der Berliner Musikszene. Sie war im Booking- und PR-Bereich tätig und hat Veranstaltungen organisiert. “Das war immer ein guter Ausgleich: Beide Bereiche haben überraschenderweise viele Überschneidung, wie den Schwerpunkt Kommunikation. Gleichzeitig gibt es aber auch große Unterschiede, denn im PR-Bereich muss oft alles sehr schnell gehen. Das ist bei der Arbeit als sozialpädagogische Familienhelferin ganz anders – hier sind insbesondere langer Atmen, Verständnis und Geduld gefragt.

”Mit “Zwergstadt” hat Katinka ihre beiden beruflichen Schwerpunkte perfekt verknüpft – aber auch ihre persönliche Entwicklung und private Veränderungen zeichnen sich daran ab. “Mich hat das Partyleben irgendwann nicht mehr so sehr interessiert, weder privat noch beruflich. Klar, hat das auch mit dem Alter zu tun, mit unterschiedlichen Lebensphasen in denen man sich befindet und bei mir eben auch mit dem Dasein als Mutter. Trotzdem bedeutet das ja nicht, dass man dann nur noch zuhause bleibt.” Mit “Zwergstadt” steht Katinka durchaus repräsentativ für ein neues Elternbild. Ihr Projekt lädt ein, auch als Eltern weiterhin alten Vorlieben nachzugehen. Das bedeutet nicht, dass man sich mit Kind nicht verändert: “Es ist definitiv ein neuer Lebensabschnitt, mit vielen neuen Themen und einem anderen Alltag”, sagt Katinka. Die allgemeine Haltung aber, das Elterndasein sei auch das Ende von bestimmten Unternehmungen, versteht Katinka nicht. Musik genießen und Spaß auf dem Festival haben funktioniert mit den Liebsten ja sowieso am besten – auch wenn die Geschmäcker unterschiedlich sind. “Unser älterer Sohn war auf dem letzten Lollapalooza total begeistert von David Guetta. Das ist jetzt nicht so mein Ding. Aber es ist schön dabei zu sehen, wie Musik und Konzerte Kinder begeistern können.”

Derzeit kümmert sich Katinka Vollzeit um die “Zwergstadt”. Ihr Team, in dem jeder einen pädagogischen Hintergrund hat, ist stetig gewachsen – der Erfolg gibt ihr also recht. Ob Katinka manchmal ihre anderen Jobs vermisst? “Noch nicht. Außerdem ist die Arbeit vor und auf den Events aufregend, kreativ und abwechslungsreich. Aber wer weiß, was die Zukunft so bringt.” Offenbar gibt es da schon ein paar neue Ideen in Katinkas Kopf, die nur auf Umsetzung warten. Wäre ja auch langweilig sonst.


 

MADANII: Provokation in Balance

Dena Zarrin schreibt für ihre Band Madanii über ihre dunklen Haare auf den Armen und über Klingen, die diese entfernen sollen ­um dazuzugehören. In ihrem letzten Musik-Video hängt sie gefesselt im Blickfeld des Zuschauenden, umgeben von lieblichen Pudertönen und zartem Rosa. Die iranische Herkunft, die eigene Identität, Bondage-Phantasien und Ästhetik – Madanii führen alles zusammen. Unaufgeregt, intensiv und hypnotisch. Damit fordern sie ihr Publikum heraus – und machen auch auf eigene Sehgewohnheiten und Vorurteile aufmerksam.

Kennengelernt hat sich das Duo Madanii, neben Dena Zarrin gehört Producer Lucas Herweg zur Band, an der Popakademie in Mannheim. Dena hat mit diesem Projekt eine Möglichkeit gefunden, ihre Welt in Kunst zu fassen. Sie verarbeitet die Jugend und Kindheit in der Provinz als Kind mit Migrationshintergrund. Sie hinterfragt Normen, Diskrepanzen und das wahnsinnig wohlklingend. Trap, R’n’B, Avantgarde-Pop – eine Schublade  brauchen Madanii nicht. Egal in welchem Aspekt ihres Lebens. Im Interview erzählt uns Frontfrau und Songwriterin Dena davon. 

COMPANION: Dein Look – ob auf der Bühne oder in Videos – ist zuweilen recht extrem. Wie lässt du dich inspirieren?

Dena Zarrin: Ich mag es zwischen vermeintlichen Gegensätzen zu stehen und mit ihnen zu spielen. Ausländerin – Deutsche, Orient – Okzident, Freizügigkeit – Verhüllung, Kunstfigur – Authentizität.

Welche Reaktion möchtest du beim Zuschauenden bewirken?

All diese erwähnten Konzepte hängen stereotyp zusammen und lösen im Zuschauer etwas aus. Am liebsten möchte ich neben ästhetischem Anklang auch Momente des Unbehagens erzeugen, mit denen man sich im besten Fall retrospektiv reflektierend auseinander setzt.

Das scheint im Video zu den Songs HOLES/MVNIA auch gelungen: Bei Bondage denkt man immer auch direkt an Lack und Leder. Bei Madanii zieht ihr den Zuschauenden eher in eine betörende Welt aus Glitzer und Hellrosa.

Wir wollten hier ganz aktiv mit Erwartungen spielen – denn: Was ist schon Norm? Wir wollten aber auch Surrealität schaffen und haben auch deshalb diese Farbwelt gewählt. Inhaltlich geht es darum, dass wir alle in gewisse Korsetts eingeschnürt sind – die Gesellschaft umfasst jeden von uns. Im Laufe des Videos löse ich die Knoten – ein Prozess der Befreiung. 

Reflektiert das auch deine eigene Geschichte?

Durchaus. Meine Familie kommt aus dem Iran und das sieht man mir auch an. Es ist nicht so, dass ich mich in Deutschland fremd fühle – aber mein kultureller Hintergrund schwingt immer mit. Erwachsen werden hieß für mich auch, mich mit der eigenen Identität zu beschäftigen.

Dank des Stipendiums des Musicboards Berlin wurde dir eine Auslands-Residenz in Teheran, der Iranischen Hauptstadt ermöglicht. Welche Rolle spielte dieser Monat, den du dort warst?

Es war kein klischeehaftes „nach Hause kommen“ oder so. Aber es war überraschend, plötzlich rein äußerlich dazuzugehören und die Sprache zu sprechen. Gleichzeitig merkt man auch, dass die deutsche Identität, das eigene Aufwachsen, eben auch eine erhebliche Rolle spielen.

Das drückst du auch durch deine Musik aus?

Ja, wir gehen mit Madanii gerne an Grenzen entlang und durchbrechen sie. Wir fordern heraus. Und die Zeit in Teheran wird sich in den nächsten Songwriting-Sessions mit Lucas ganz sicher auch widerspiegeln. Eine EP ist bereits für den kommenden Herbst geplant.


 

Perel: Hits Hits Hits!

Eine blonde Bodybuilderin posiert im Glitzerbikini und Brautschleier mit einem Hammer in der Hand vor einer Industriebrache. Annegret Fiedler aka Perel, die in einem knallroten Ganzkörperanzug neben ihr im Staub sitzt, sprech-singt: „Soll der Teufel mich doch holen, es ist längst zu spät!“ Dabei stiert sie mit einem irren Blick in die Kamera, der Nina Hagen alle Ehre gemacht hätte. Das Video zum Song „Gold und Silber“, für das Perel dem New Yorker Post-Punker Curses ihre Stimme geliehen hat, wirkt wie eine absurde Szene aus einem David Lynch Film. Gleichzeitig illustriert es gut, wie schwierig das zu fassen ist, was die Musikerin aus Sachsen eigentlich macht.

Denn Perel ist DJ, Produzentin, Sängerin, Performerin – und meistens alles gleichzeitig. Bei ihren DJ-Sets greift sie gerne zum Mikrophon; improvisiert, singt und haucht ekstatisch über treibenden, elektronischen Beats. „Ich kann Leute verstehen, die sich fragen: ‘Was macht die da oben eigentlich?!’“, sagt sie im Interview. Doch starren Kategorien und Zuschreibungen haben sie schon immer gelangweilt. „Wenn ich mich nur als DJ bezeichne, fehlen grob 70%, die mich als Musikerin ausmachen.

”Aufgewachsen im Erzgebirge probierte sich die ausgebildete Sängerin vom Kirchenchor bis zur Punkband aus, schrieb eigene Songs und merkte irgendwann, dass sie dank digitaler Produktionssoftware keine Band braucht, um ihren Sound zu kreieren. „Wenn man wie ich lange in verschiedenen Bands und Projekten involviert war, fühlt sich das wie ein Befreiungsschlag an“, beschreibt Perel diesen „Erleuchtungs-Moment“. Das war 2008.

Perel will es als Berufsmusikerin schaffen. 2010 zieht sie nach Berlin, schickt Demos an zahllose Labels – und erhält nie eine Antwort. Als sie denkt, sie sei komplett gescheitert, schreibt sie mit „Die Dimension“ und „Alles“ die beiden Songs, die ihr Leben verändern werden. Über einem düsteren Mix aus Minimal Wave, Industrial und 80s-Synth-Pop singt sie melancholische Lyrik auf deutsch. Ihr tiefes Stimmtimbre hat ihr bereits den Spitznamen „Techno-Knef“ eingebracht hat. „Inhaltlich sind beides Momentaufnahmen, die ich während tiefer Zukunftsängste geschrieben und produziert habe. Ängste, die sich auf die gesamtglobale Situation beziehen, aber auch auf die persönliche.“

Sorgen um ihre Karriere muss sie sich danach wohl kaum noch machen: Das von LCD Soundsystem Gründer James Murphy gestartete Electropunk-Label DFA Records bringt 2018 ihr Debütalbum HERMETICA heraus – als erstes deutsche Signing auf dem New Yorker Label überhaupt. Perel schafft es in die Jahresbestenlisten, wird als Newcomerin des Jahres gehandelt. „DFA hat mir definitiv die Türen zu einer anderen Welt geöffnet, in der ich das Glück besitze, überall auf der Welt zu touren und inspirierende Menschen und Plätzen kennenzulernen.“

Vergangenes Jahr hat sie um die hundert Gigs auf der ganzen Welt gespielt. In ihren DJ-Sets vermischt sie zeitgenössischem House und Techno mit alten Klassikern – nicht zufällig hat sie sich den Slogan „Hits Hits Hits“ für ihre Merch-T-Shirts gewählt. Warum sie kürzlich von der Techno-Hauptstadt Berlin nach Amsterdam gezogen ist? „Ich dachte es wird Zeit für was Neues.“ Und davon können wir von Perel in den nächsten Jahren sicherlich noch einiges erwarten.


 

Gurr: Vorzeige-Punk

Zwei Frauen, die ein bisschen strammer in die Saiten greifen, scheinen immer noch eine Sensation zu sein. Andreya Casablanca und Laura Lee werden jedenfalls immer dann erwähnt, wenn weiblicher Rock gefragt ist. Dabei ordnen Begriffe wie “new wave Riot Grrrls” die beiden schnell in die frühen 90iger und die Grunge-Bewegung ein. Der Sound des Berliner Duos ist in Wahrheit vielfältiger: Eingängige Pop-Refrains, steile bis verspielte Lyrics und vollkommen unprätentiöser Punk treffen aufeinander - und wer die beiden schon mal live gesehen hat, weiß, dass Gurr im Grunde einfach Spaß macht. Im Gespräch mit Andrea fühlt COMPANION der Band auf den Zahn.

COMPANION: Gurr gibt es seit 2012, drei Jahre später kam die erste EP – ihr seid also schon eine Weile dabei. Was ist eure bisher größte Erkenntnis über die Musikbranche?

Andreya Casablanca: Ich glaube, man lernt immer wieder dazu, aber derzeit auf jeden Fall: Mach das, was dein Bauchgefühl dir sagt, weil du sonst nicht glücklich wirst. Jeder muss selbst seinen Platz finden und sich deshalb fragen, was man erreichen will und dafür tun möchte. 

Ihr werdet gerne als Vorzeige-Gitarren-Girlband gelistet. Nervt dich das manchmal?

Mich nervt das gar nicht. In Deutschland scheint es für die Branche oder die Presse immer noch "neu" zu sein, dass da Frauen Rockmusik machen. Nach uns wird das nicht so bleiben. 

Frauen scheinen es in der Musik-Branche karrieretechnisch immer noch schwieriger zu haben als Männer. Stimmt das?

In einigen Bereichen fühlt sich die Industrie an wie ein Boys-Club; von Leuten aus dem Business bis hin zu Konzertgängern und deren Kommentaren. Wir lassen uns das weder gefallen noch davon einschüchtern. Wir wollen ganz einfach gute Leute um uns herum haben, egal welches Gender.

Gerade kam eure EP “She Says” raus. Die Platte ist aufgeräumter und verträumter als eure bisherigen Sounds. 

Wir haben bislang mehr aufgenommen und geschrieben als veröffentlicht und sind seit unserer ersten Platte natürlich gewachsen. Da, wo wir uns jetzt musikalisch befinden, klingt alles etwas gelassener. Die neuen Songs machen für uns als Ganzes Sinn. 

Mit Gurr seid ihr ziemlich erfolgreich Wie geht es weiter?

Wir spielen im Sommer erstmal ganz viele Festivals und hoffen, im Herbst und Winter an neuer Musik arbeiten zu können. Die letzten Monate waren sehr intensiv. Man muss immer aufpassen, sich nicht zu verlieren und immer daran zu erinnern wer man ist - persönlich und künstlerisch. 


 

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