Werner Aisslinger im Interview

Ein Gespräch über Design und Architektur.

Sachen machen! Das scheint die simple Maxime zu sein, die sich hinter der Arbeitsphilosophie des Berliner Designers Werner Aisslinger verbirgt. Ein Gespräch über progressives Design, das Hotelprojekt 25hours und natürlich Berlin.

Das Studio Aisslinger befindet sich in einem alleinstehenden Gebäudekomplex in der Heidestraße: Noch ist von der „Europa City“, die hier in den nächsten Jahren aus dem Boden schießen wird, nicht viel zu sehen.

Einmal angekommen in der weitläufigen Fabriketage, auf der sich das Studio befindet, ist das erst einmal nebensächlich. Viel zu viele Objekte buhlen hier um Aufmerksamkeit. Prototypen für Möbel und andere Gebrauchsgegenstände, Architekturmodelle und zahllose Entwurfspläne zeugen von vollen Auftragsbüchern. Werner Aisslinger ist in Eile, doch er steht drüber.

Werner, Du stammst ursprünglich aus Bayern. Hat dich das Design nach Berlin gebracht?
Ich bin noch vor der Maueröffnung nach Berlin gekommen. Ich wollte sowieso nach Berlin. Ich hatte mich für freie Kunst an der Hochschule der Künste beworben – damals hieß das HdK, heute UdK. Das hat nicht geklappt. Auf den Tipp meiner damaligen Freundin hin, habe ich mich dann für Design beworben. Wieder an der HDK. Das hat auf Anhieb geklappt. Nach einem Jahr bin ich nach London gezogen um dort bei zwei damals noch ‚upcoming’ Designern, Ron Arad und Jasper Morrison, zu arbeiten. Dann war ich kurz vor dem Diplom nochmal in Mailand, ein Jahr, bei Michele de Lucchi – einer der Memphis-Altmeister. Memphis ist eine Gruppe aus den 80er Jahren, die das Design revolutioniert hat. Micchele de Lucchi war der Startschuss. Nachdem ich mein Diplom gemacht habe, ging’s dann in Berlin los. Damals war Berlin aber nicht so sehr Design-Stadt. Musik war wichtig, Clubkultur natürlich immer. 

Wie hat sich das verändert? Hat es Dir als Designer in Berlin damals besser gefallen als heute?
Um ehrlich zu sein nicht. Darum habe ich auch die ersten sieben Jahre meiner Aktivitäten fast nur in Italien gearbeitet – für italienische Labels, die auch heute noch den Ton angeben im Design. Berlin war damals so wenig relevant, dass die Italiener oft gar nicht wussten woher ich komme. Die dachten auch nach drei Jahren nur: Werner - Deutschland. Dass ich aus Berlin kam war denen völlig Wurscht.

Gerade scheint wieder alles gen Westen zu weisen. Am Breitscheidplatz hast Du den Innenraum des Hotels 25hours im Bikini-Haus entworfen. Dabei fällt der rohe, improvisierte Charakter auf, in den Du collagenhaft Objekte einstellst. Könnte man das als eine Institutionalisierung des experimentellen Berliner 90er Jahre-Looks begreifen?
Ich hoffe nicht, dass ich mich in meinen Aktivitäten immer auf eine Sozialisierungsphase beziehe, die in den 90er Jahren stattgefunden hat. Wenn es denn so wäre, würde ich eigentlich eher aus dem Fenster springen. Ich hoffe, dass man ständig dazu lernt und sich weiterentwickelt. Natürlich hat man prägende Phasen in seinem Leben. Aber ich glaube nicht, dass die 90er Jahre in Berlin so wichtig waren. Dass wir bei dem 25hours Projekt natürlich versucht haben, das Berliner Lebensgefühl einzufangen ist faktisch so, weil jemand, der aus Tokio oder L.A. kommt, an Berlin natürlich immer das Unfertige, Improvisierte, dieses Collagenhafte und Ambulante sucht. Viel wichtiger ist aber, dass das Hotel eigentlich eine kleine Revolution ist in der Branche. Denn da passiert viel, was nicht mit Übernachten zu tun hat.

Und was ist das?
Zum Einen beruht das Konzept auf einer Story, die wir „Urban Jungle“ genannt haben. Da gibt es ganz verschiedene Bezüge. Der legendäre Dschungel-Club zum Beispiel, der von den 70ern bis in die frühen 90er Jahre einer der coolsten Clubs in Westberlin war und sich um die Ecke, in der Nürnberger Straße befand. Natürlich geht es auch um den „Großstadtdschungel“. Wenn man auf der Vorderseite des Hotels aus dem Fenster guckt, erblickt man das Zentrum Westberlins. Auf der Rückseite ist dagegen der „Real jungle“, also der Zoo. Zusätzlich haben wir versucht, die Stadt ins Haus herein zu holen. Hotels sind oft gestrandete Ufos im Stadtkontext in denen die Hotelgäste herumgammeln und die Traveller sich gegenseitig die Hände schütteln, von der Stadt aber eigentlich nichts mitbekommen. Das kann man ändern, indem man raus geht oder eben die Stadt herein holt.

Zum Beispiel mit Hilfe einer verglasten Saunawand?
(lacht) Ja, aber ich meine was anderes. Wir arbeiten zum Beispiel mit einer jungen Gruppe von Microfarmern zusammen, die ich über die Prinzessinnengärten am Moritzplatz kennengelernt habe. Im obersten Geschoss werden Pflanzen angebaut, die in der Küche verarbeitet werden. Mit dem Gestalten Verlag machen wir einen Kiosk. So schaffen wir zahlreiche Bezugspunkte zu Berlin und Berliner Kreativen. Die Idee ist, Organismen in das Hotel zu holen, die die Gäste vielleicht zum Staunen bringen, die aber auch einen ganz praktischen Nutzen erfüllen, wie eben das Farming. Hier passiert sicherlich sehr viel mehr als nur Einchecken, Schlafen, Frühstücken.

Das ist also der Berlinkontext. Bezieht ihr Euch auch auf die direkte Umgebung, also Charlottenburg und die City West?
Die Vernetzung mit Charlottenburg passiert eigentlich über die Architektur. Das Gebäude ist ein Baudenkmal und prägt die Umgebung seit seiner Erbauung in den 50er Jahren. Das Hotel ist in einem kleinen Hochhaus, das rundherum Freiraum hat. Von dem neuen zehnten Geschoss kann man in alle Himmelsrichtungen blicken. Dann ist ja dieses ganze Projekt in die Sanierung des Bikini-Hauses eingebunden, die ein Glücksfall für Charlottenburg ist.

In direkter Nachbarschaft stand bis vor Kurzem noch das Schimmelpfeng-Haus, das wie das Bikini-Haus ein denkmalgeschütztes Bauwerk der 50er Jahre war. Es wurde abgerissen, um Platz zu schaffen für neue Hochhausprojekte. Was hältst Du davon?
Das neue Hochhaus, wo das Waldorf Astoria drin ist, das ist nicht so meine Welt. Passt vielleicht auch besser nach Frankfurt. Ich glaube, dass es unter Investoren Liebhaber gibt. Damit Architekturen länger überleben, muss man eben einen architekturaffinen Investor finden, der das Ding erhält und daran glaubt, dass man etwas daraus machen kann. Beim Bikini scheint das ja zu funktionieren.

Dieses Portrait ist Teil einer neuen Kollaboration mit dem Onlinemagazin Freunde von Freunden.

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