Wiener Walzer mit Hannah Neunteufel

Eine Stadtführung mit Kultur und Genuss.

Eine wie Hannah Neunteufel kennt die Stadt. Die Eventmanagerin ist eine waschechte Wienerin. Lange war die 49­Jährige in der Gastronomie tätig, vor 15 Jahren hat sie mit ihrer Eventagentur Hannah’s Plan ihre Leidenschaft zum Job erklärt. Weil sie seit jeher Veranstaltungen ungewöhnlich aufzieht, genießt sie den Ruf der Event­Revoluzzerin, die anlässlich eines Kaffeehausjubiläums schon mal eine bunte Prozession durch die Innenstadt organisiert. Warum sie Wien immer die Treue gehalten hat? „Hier kann sich jeder sein Tempo aussuchen.“ Neunteufel gehört zu denen, die Gas geben. Während ihrer Tour wolle sie Plätze besuchen, deren „alter Charme sich in der Gegenwart behaupten kann“, erklärt sie und marschiert los. Ihr ständiger Begleiter? Eine Zigarette. Wäre ja noch schöner, wenn die in der Stadt der Schnitzel und der Würstel nicht mehr erlaubt wäre. >> Hannah’s Plan <<

GRANDIOSE DEKADENZ
Rund zehn Minuten Fußmarsch sind es vom 25hours Hotel beim MuseumsQuartier bis zum Kunsthistorischen Museum, einem imposanten Zeugnis der Ringstraßenarchitektur. Doch jetzt geht es erst einmal durch den Haupteingang hinein in die Kunstkammer (1). Gedimmtes Licht, emporragende Glasvitrinen und darin allerlei Goldschmiedearbeiten, Bronzefiguren, Uhren, wissenschaftliche Instrumente. 2200 Objekte in rund 300 Vitrinen, verteilt auf 2700 Quadratmeter. Nicht umsonst gilt die Kunstkammer, die nach einem Umbau im Frühjahr 2013 unter der Museumsdirektorin Sabine Haag  wiedereröffnet wurde, als eine der bedeutendsten Kunstsammlungen der Welt. Neunteufels Bezug dazu? „Mich begeistern die Kleinodien, die Speziosen, die grandiose Dekadenz.“ Sie ist sich sicher: „Hier ist für jeden was dabei.“ Sie bewundert eine „gut gebaute“ Herkules­Figur. „Und der kleine Bär mit der Flinte und dem Jagdtascherl, der ist auch irre.“
>> khm.at <<

CHAMPAGNER UND WÜRSTEL
Jetzt heißt es rechter Hand hinunter zum Burgring, quer durch den Volksgarten, vorbei am Palmenhaus Richtung Albertina. Davor steht Wiens wohl bekanntester Würstelstand, der Bitzinger (2). 2008 wurde er neu designt und ist wohl der einzige, an dem zum Käsekrainer auch Champagner getrunken werden kann. „Ich finde es wichtig, lokale Traditionen zu pflegen. Und dazu gehört nun einmal der Würstelstand“, erklärt Hannah Neunteufel ihren kulinarischen Zwischenstopp – auch wenn der zunehmend von Kebab­Buden verdrängt wird. Was den Würstelstand auszeichnet? Hier gebe es keine formvollendete Bestellung. „Man kann sich immer auf eine Gegenfrage gefasst machen: mit Senf oder ohne? Darf’s noch eine Semmel sein?“ Was es zum Bitzinger hier an der Albertina sonst noch zu erzählen gibt? „Einmal im Jahr, wenn drüben in der Staatsoper der Opernball stattfindet, dann sind hier nachher alle, wirklich alle.“
>> bitzinger-­wien.at <<

DAS SÜSSE SCHMUCKKASTERL
Zügig geht es weiter durch die Augustinerstraße, vorbei an der Stallburg über den Michaelerplatz zum Kohlmarkt. Linker Hand, hinter der Nummer 14, sind die süßen Sachen schon in der Schaufensterauslage zu bewundern. Nichts wie rein in die Konditorei Demel (3), das „Schmuckkasterl“ am Kohlmarkt: „An dem kann ich mich einfach nicht sattsehen.“ Neunteufel läuft zielgerichtet in den Shop. Keine Frage, sie weiß, wo hier was steht. Sie kommt schließlich immer wieder in diese Konditorei, die 1786 einige Meter von hier entfernt gegründet wurde. „Wenn ich ein hübsches Mitbringsel brauche, dann finde ich das hier: Katzenzungen oder kleine Schokoladen, allein die Verpackungen sind ein Traum.“ Eine Lieblingstorte habe sie im Demel natürlich auch, erklärt die Wienerin während des Naseplattdrückens an der überladenen Vitrine. „Die Dobos­Torte mit Schichten aus Biskuit und Schokoladen-Buttercreme ist mir am liebsten. Und dazu statt Kaffee ein Bier. Das gibt’s hier im Café zum Glück auch.“
>> demel.at <<

SECONDHAND­PARADIES
Weiter über den Kohlmarkt Richtung Graben. Das Goldene Quartier, Wiens neue Luxus­Shoppingmeile mit den cleanen Shops von Louis Vuitton, Armani und Co., lässt Hannah Neunteufel links liegen. In der Landskrongasse 1 aber wird Halt gemacht. Hier ist seit letztem Sommer eine Zweitdependance des Berliner Shops Das Neue Schwarz (4) zu Hause. Jedes Secondhandstück von A wie Acne bis M wie Margiela ist ausgesucht. Entscheidender Unterschied zum Standort Berlin? Inhaberin Tanya Bednar erklärt: „In Wien biete ich eher feminine Sachen wie zum Beispiel von der französischen Designerin Isabel Marant an.“ Für eine wie Neunteufel ist Das Neue Schwarz ein paradiesischer Ort, denn: „Ich erfinde mich jeden Tag modisch neu, mag Westwood genauso wie Zac Posen.“ Am liebsten aber ist sie beim Shoppen allein unterwegs: „Dann muss ich meine Ausgaben vor niemandem rechtfertigen.“ Sagt sie und grinst bis über beide Ohren.
>> dasneueschwarz.de <<

 EIN EHRLICHER PLATZ
Der Kaffee wartet schon. Und zwar nur zwei Ecken weiter. Im Café Korb (5) erledigt Hannah Neunteufel gern ihre Termine. Denn: „Das Korb ist ein authentischer, ein ehrlicher Platz.“ Dazu gehört auch, dass man dem Kaffeehaus, das schon über 100 Jahre alt ist, seine Betagtheit nicht ansieht. Das 60er­Jahre­Inventar wurde stückweise modernisiert, von den Wänden blickt die Inhaberin aus unzähligen Bilderrahmen herab: Susanne Widl ist nicht nur Lebensgefährtin von Medienkünstler Peter Weibel, sondern eben auch eine echte Exzentrikerin, die hier so manchen Tratsch mit der Autorin Elfriede Jelinek gehalten hat. Und nach wie vor viele Wiener Originale anzieht. Jetzt noch eben die Himbeerschorle leeren, Kellner umarmen, Blick auf die Uhr: Neunteufel hat es ein bisschen eilig, sie will jetzt ins Kino. >> cafekorb.at <<

VORHANG AUF
Schnurstracks geradeaus durch die Brandstätte und die Schulerstraße bis zum Parkring, dann nach rechts. Das Gartenbaukino (6) ist dank der altmodischen Leuchttafeln und Filmankündigungen nicht zu übersehen. Und spätestens jetzt, während man durch die Eingangstür des Gartenbau ins Foyer tritt, verfällt man dessen 60er­Jahre­Charme. Wie groß das Haus am Ring ist, wird einem allerdings erst im Kinosaal klar. 736 Sitzplätze, ein schwerer roter Vorhang, in den 60er­Jahren fanden im Gartenbau die großen Filmpremieren statt. Und heute? Kann man hier nicht nur ausgesuchte Autoren­ und Arthouse­Filme oder alljährlich im Oktober gemeinsam mit internationalen Stargästen die Viennale­Eröffnung verfolgen, sondern die Location auch mieten. Hannah Neunteufel hat hier natürlich auch schon ganz privat mit ihrem Sohn Star Trek geschaut. Vor allem aber erinnert sie sich an eine „wunderbar ausgelassene Nacht“, eine „indische Bollywood­Party mit 1200 Leuten“, die sie hier veranstaltet hat.
>> gartenbaukino.at <<

WIRTSHAUS RELOADED
Hannah Neunteufel ruft ein Taxi, mit dem geht es Zum Roten Bären (7) in den neunten Bezirk. Nicht ohne Grund hat sich die Eventplanerin das bodenständige Lokal, das seit 2014 neu bewirtet wird, ausgesucht. Dieser Grund heißt Hans Bodingbauer. Mit dem Koch hat sie in der Vergangenheit immer wieder zusammengearbeitet. Jener Bodingbauer bringt hier Wiener Küche in Bio­Qualität, aber ohne Chichi auf den Teller. Kartoffeln und Kräuter werden aus der Südsteiermark in die Wiener Berggasse geliefert: Der Vater des Kochs bewirtschaftet einen Weingarten mit Obst und Gemüse. Neunteufel bestellt sich zur Stärkung gleich eine Rindsuppe mit Frittaten. Was ihr am Roten Bären so gefällt? Sie deutet auf die abgeschliffenen Wirtshaustische, die Holzvertäfelung und die Bilder an den Wänden: „Hier sieht’s nicht wie in all den Hipster­Lokalen aus, hier ist es so wunderbar uncool.“ Es folgt der Hauptgang: Rehkeule zu Kürbis, Blumenkohl und Rotkraut. Mahlzeit!
>> facebook.com/redredmedved <<

SAMT UNTERM LUSTER
Zum Abgang geht es mit dem Taxi zurück in den ersten Bezirk, in die Roberto American Bar (8). Ein Perlenluster bringt etwas Licht in die kleine Bar, Lilienduft hängt in der Luft, Barmann Robin begrüßt Neunteufel überschwänglich. „Eigentlich bin ich am liebsten am Nachmittag hier, wenn weniger Leute da sind.“ Dann trinkt sie einen Champagner oder einen Espresso Martini. „Ich besuche nicht in erster Linie Orte und Lokale, sondern die Menschen dort.“ Und ein gutes Lokal wie dieses mache eben aus, dass man sich willkommen fühle. Auch wenn man das erste Mal da sei. Die Roberto American Bar, die Roberto Pavlovic, ehemaliger Barchef der Loosbar, Ende 2013 eröffnet hat, sei solch ein Ort für Neunteufel. Sagt’s und drückt sich ins dunkle Samtsofa.
>> robertosbar.com <<

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