Die leisen Unternehmer

Ein Gespräch über Werte, Ziele, Glück und Geduld.

1993 gründeten zwei junge Kreative eine Firma, die Taschen aus LKW-Planen fertigte. Über 20 Jahre später bringen die Brüder Markus und Daniel Freitag zum ersten Mal ein neues Produkt heraus – Mode aus kompostierbaren Stoffen. Wurde ihnen in der Zwischenzeit nie langweilig?

Am Anfang ging alles ganz schnell: Im Herbst 1993 hatten die Brüder Markus und Daniel Freitag die Idee, aus alten LKW-Planen Fahrradtaschen zu nähen. Wenige Wochen später  fertigten sie einen Prototyp, kurz darauf 30 Taschen für sich und ihre Freunde, dann ein erstes Verkaufsevent und schließlich ein Unternehmen. Inzwischen beschäftigt Freitag 160 Personen und produziert pro Jahr 400.000 Taschen aus Autogurten, Fahrradschläuchen und Planen, darunter immer noch das erste Modell von 1993, das auch in der Designsammlung des Museum of Modern Art in New York ausgestellt wird. Weitere Designpreise gab es für die eigenen Läden, die Kommunikation und ein eigens entworfenes Regalsystem, die Marke Freitag ist bis in Ostasien bekannt und gefragt. Und das, obwohl die Brüder Freitag eine Unternehmensstrategie verfolgen, die mehr an traditionellen Mittelstand als an die zeitgenössischen Kreativbranche erinnert: eine kleine Produktpalette, nachhaltiges Wachstum, niedrige Gewinnmargen. 

Zwanzig Jahre nach der Firmengründung bringt Freitag nun erstmals ein ganz neues Produkt auf den Markt: Mode aus kompostierbaren Stoffen, die unter dem Namen F-abrics laufen wird. Fünf Jahre war das Material, das aus Nutzpflanzen geschaffen und komplett in Europa produziert wird, in Entwicklung. Es passt ins Bild: Mit Nachhaltigkeit beschäftigen sich die Brüder Freitag schon seit der Kinderstube, als sie selbst Fahrräder bauten und die Patentante ihnen das Kompostieren beibrachte. Bis heute hat Markus keinen Führerschein. Hier erklärt er, warum sie arbeiten, wie sie arbeiten.

“Wir saßen in der Küche meiner WG und überlegten uns Geschäftsideen, die keinen Müll verursachten – auch, um eine Nebeneinkunft zu haben. Die ersten zwei, drei Jahre war alles ganz klein, jedes Jahr wollten wir aufhören. Es war viel Arbeit und reich wird man dabei nicht. Immer hieß es: ‘Die letzte Ladung Planen schneiden wir noch, dann machen wir Schluss.’ Doch dann brauchte ein Mitarbeiter dringend den Job, dann sind wir doch wieder dabei geblieben. Wann es richtig losging? Nie. Es war immer langsam. Es gab viele Zufälle. Der erste war die Grundidee. Der zweite war, dass jede Tasche von Natur aus ein Unikat war und Unikate sehr modern wurden. Der dritte, dass Umweltbewusstsein weiterhin ein wichtiges Thema ist. Der vierte, dass wir ‘lokal’ in Zürich herstellen, was wir nur taten, weil wir keine andere Möglichkeit hatten – und auch das sehr modern wurde.” 

“Alles wird reinvestiert. Wir arbeiten mit Gewinnmargen im einstelligen Prozentbereich. Es geht uns nicht um schnell verdientes Geld, sondern um nachhaltiges Wachstum. Als wir zum Beispiel eine neue Planenwaschanlage brauchten, haben wir uns für die teure Variante entschieden. Die macht sich erst in 15 Jahren bezahlt, aber wir haben mehr Spaß daran. Würden wir für’s Geld arbeiten gehen, hätten wir nach drei Jahren aufhören sollen. Der Antrieb ist, neue Ideen auszuprobieren – dafür wollen wir Geld verdienen. Diese Philosophie muss man letztendlich verkörpern. Produktentwicklung und Ideen kann man nur schwer delegieren.”

“Wir haben immer wieder Projekte gestartet, viele blieben in der Schublade. Die Modelinie F-abrics hat uns fünf Jahre gekostet. Wir wollten ein neues Material entwickeln, immer noch mit dem Kreislaufgedanken: zum Beispiel sind die Hosenknöpfe abschraubbar, damit man sie wiederverwenden kann. Wenn du schnell viele Hosen verkaufen möchtest, dann denkst du daran nicht. Wir denken und handeln in Kreisläufen. Wir glauben an das nächste Leben.”

“Wir nehmen uns viel Zeit für den Austausch, dabei entsteht ein Qualitätsanspruch. Wir wälzen Ideen sehr lange, bis wir sie umsetzen. Wir verwenden auch viel Zeit für Kommunikation und wenig für die Buchhaltung. Wir verdrängen das schon gerne mal und denken, der Finanzchef kommt schon, wenn’s wichtig ist. Wir nehmen uns Zeit zum Sprechen, wir können uns nicht kurz fassen. Ein persönlicher Vorsatz wäre, weniger zu sprechen und mehr zu machen. Ich würde mir gerne mehr Zeit zum Reisen nehmen, denn immer, wenn ich mich fortbewege von meinem Alltag, beginnt bei mir das Denken. Doch als junger Vater ist das schwer. Wir reisen gerne im Zug, zu zweit. Wenn du zu schnell reist, dann hast du keine Zeit, Notizen zu machen und mit nach Hause zu bringen.

“Wir wollen Spaß haben, spielerisch Ideen entwickeln. Es sollte nicht alles mit ins Verderben reißen, wenn eine Idee mal nicht funktioniert. Wir geben uns Mühe, nicht nur erfolgreich zu sein, sondern es auch zu bleiben. Unsere persönlichen Ziele haben sich nicht geändert. Wir haben keine Immobilien, keine schnellen Autos, haben immer noch am meisten Freude, wenn wir mit dem Fahrrad im Kreis rumfahren. Wir haben auch selbst Familie und geben an sie weiter, was unsere Eltern uns mitgegeben haben.”

“Unsere Vorbilder sind die, die etwas nicht des Profits willen tun. Toni Rüttimann zum Beispiel baut in Krisengebieten Brücken aus recycelten Materialien. Er hat eine Software entwickelt, die der lokalen Bevölkerung hilft, diese selbst zu bauen. Wie der mit einer extrem schlanken Organisation hunderte Brücken gebaut hat, das ist für mich ein Vorbild. Da könnten sich viele Unternehmen ein Beispiel daran nehmen. Den haben wir auch schon unterstützt, statt eines Weihnachtsgeschenks an die Mitarbeiter. Die Idee kam von unseren Mitarbeitern selbst.” 

Freitag Shops gibt es in

  • Zürich - Geroldstrasse 17
  • Berlin - Max-Beer-Strasse 3
  • Hamburg - Klosterwall 9
  • Wien - Neubaugasse 26

Weitere Informationen zu Freitag gibt es unter freitag.ch oder auf unserer 25hours & Friends Seite.

Dieses Portrait ist Teil einer Kollaboration mit dem Onlinemagazin Freunde von Freunden.

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