Long Live München

Barbara Vinken liebt München. Vor zwölf Jahren zog die wohl eleganteste Akademikerin Deutschlands in die bayerische Hauptstadt.

Der charmante Flair, die hohe Lebensqualität, aber auch die umliegenden Berge und Seen haben es der Literaturprofessorin der Ludwig-Maximilians-Universität angetan. Wenn sie nicht gerade lehrt, schreibt die modische Theoretikerin sprachmächtige, gedankenreiche und mitunter amüsante und angriffslustige Bücher, etwa über die Beziehung von Kleidern, Geschlechterrollen und Gesellschaft. Kein Wunder, dass Frau Vinken auch bei der Zusammenstellung der Münchner District Tour jede Menge Stil beweist. Obwohl sie selbst in Schwabing lebt, nahm sie COMPANION mit auf eine Tour durch Münchens Altstadt, welche in ihrer Pracht als Ensemble unter Denkmalschutz steht. Hier mündet im historischen Stadtkern die von Luxusboutiquen umsäumte Maximilianstraße am opulenten Nationaltheater; hier stehen auch die Frauenkirche und die Residenz. Egal, wohin sich in diesem Zentrum der Blick richtet: Beinahe jedes Gebäude und jeder Platz ist eine architektonische Wohltat für das ästhetische Empfinden.

Gemeinsam mit Barbara Vinken besuchen wir einige von ihnen. Sie selbst bezeichnet die von ihr ausgewählten Orte, vom Literaturhaus über das Theatiner Filmtheater bis zum Dianatempel, übrigens als „Weltklassepunkte“. Als Dame von Welt, die ihre Wahlheimat München zwischendurch immer mal wieder für einige Monate gegen Berlin oder Paris eintauscht, kann sie sich ein solches Geschmacksurteil durchaus erlauben. Und tatsächlich würden nicht wenige Münchner ergänzend behaupten, es handle sich bei den ausgesuchten Stationen nicht nur um einige der schönsten Orte Münchens, sondern der ganzen Welt. Mehr Infos zu Barbara Vinken: barbaravinken.de

HUTMACHEREI INA BÖCKLER

Kleider machen Leute, Hüte machen Damen. Gleich zu Beginn möchte uns Barbara Vinken ihr liebstes Geschäft für noble Kopfbedeckungen zeigen: die Hutmacherei Ina Böckler. Wir treffen uns an deren Schaukasten in der Residenz-passage, Zugang Theatinerstraße. Ein Schaukasten! Welch herrlich entrückte Antwort auf die uniforme Schaufenstermasse deutscher Shoppingmeilen. Mit ihren behutsam drapierten Hüten in Kobaltblau und Cremeweiß wirkt die gläserne Auslage beinahe wie ein Fenster in die Vergangenheit – aber keinesfalls verstaubt. „Ina Böckler ist das älteste und berühmteste Hut-geschäft von München“, erzählt die Professorin. Seit 1928 werden hier Hüte gefertigt. Die Technik ist heute die gleiche wie vor 90 Jahren. Die Ausrede, kein Hutgesicht zu haben, zählt hier übrigens nicht: „Ina Böckler findet für jede den passenden Hut.“ (huete.de)

BAYERISCHE STAATSOPER

Über den Max-Joseph-Platz er-reichen wir das neoklassizistische Nationaltheater mit seinen korinthischen Säulen, der Spielort der 1657 gegründeten Bayerischen Staatsoper – pünktlich zu einer Orchesterprobe. Die jährlichen Opernfestspiele lässt sich Vinken ungern entgehen. Kein Wunder, gilt das Opernhaus als Garant für herausragende Regie, ästhetische Kraft und große Stimmen. Einer der atemberaubendsten Räume ist der Königssaal mit seinen venezianischen Leuchtern, Intarsienparkett und stuckverzierten Wänden. Das hereinfallende Sonnenlicht sorgt an diesem Tag für ein bezauberndes Licht-und-Schatten-Spiel. „Wenn ich die Marmortreppe hinuntergehe, denke ich an Gabrielle d’Estrées, die Geliebte des Königs in Heinrich Manns Roman ‚Henri Quatre‘, als diese die Treppe hinunterschwebt“, assoziiert die Literaturwissenschaftlerin. (staatsoper.de)

LITERATURHAUS

Weiter geht es ein kurzes Stück über die schicke Einkaufsadresse Maximilianstraße, zurück über den Max-Joseph-Platz und vorbei an der ausgesuchten Boutique von Marion Heinrich, wo Vinken immer mal wieder vorbeischaut. Jetzt haben wir ein anderes Ziel: das Literaturhaus am Salvatorplatz, das in diesem Jahr seinen 20. Geburtstag feiert. Regelmäßig stehen hier wechselnde Ausstel-lungen, Lesungen und Workshops auf dem Programm. Mal geht es um Texte junger Autoren, dann wieder um Klassiker der Literatur-geschichte – Prosa, Pop und Poesie. Barbara Vinkens Bücher werden hier vorgestellt; die Direktorin Tanja Graf war ihre erste Verlegerin und ist heute eine langjährige Freundin. Vinken sagt: „Selbst wenn ich mich hier nur ins Café setze, fühlt es sich ein bisschen so an, wie nach Hause zu kommen.“ (literaturhaus-muenchen.de)

SCHWITTENBERG CONCEPT STORE

Unmittelbar neben dem Literaturhaus liegt der Concept Store Schwittenberg. Vinken findet: „Hier kann man immer etwas kaufen.“ Die Inhaber Sandra Schwittau und Christopher Rauberg beweisen mit einer eigenwilligen Produktauswahl auf großzügig eingerichteten 250 Quadratmetern modisches Gespür. Neben einer wohl kuratierten Auswahl von lokalen Talenten, darunter die Kollektion der Modedesignerin Ayzit Bostan oder Schmuck von Saskia Diez, viel internationale Modeavantgarde. Duftkerzen, Marmortische oder gestrickte Puppen aus Alpakawolle komplettieren die kleidsamen Vorschläge für Frauen, Männer und Kinder. Das Schwittenberg-Sortiment kann man übrigens auch in deren Onlinestore erwerben – was Barbara Vinken aber niemals tun würde. (Schwittenberg.com)

THEATINER FILMTHEATER

Über die Salvatorstraße geht es zurück auf die Theatinerstraße. Hier befindet sich eine echte Perle des Kulturgenusses fernab vom Popcorn-Mainstream: das Theatiner Filmtheater. Ein kleines Kino, in dem es keinen Platz gibt für große Blockbuster. Seit 1957 werden hier Autorenfilme aus Frankreich, Italien oder Spanien in Originalvertonung mit Untertiteln gespielt. Die Vintage-Plakate nehmen einen mit auf eine Zeitreise in die 50er- und 60er-Jahre; sie erzählen von den großen und kleinen Helden des bewegten Bildes. Vor allem für frankophile Filmliebhaber ist das Theatiner ein Muss. Etwa zur Sonntagsmatinee, bei der zum Beispiel „La Mort de Louis XIV“ von Albert Serra ausgestrahlt wird. „Meistens gehe ich allein ins Kino“, sagt Barbara Vinken. Das ist in dem kleinen Saal des Kinos mit der nonchalanten 50er-Jahre-Vertäfelung und dem schweren, tiefroten Samtvorhang tatsächlich noch romantischer als zu zweit. (Theatiner-film.de)

DIANATEMPEL

Über den Odeonsplatz betreten wir den Hofgarten, der den Endpunkt der Kultur-Tour mit Barbara Vinken markiert. Unsere vorletzte Station ist der Dianatempel, ein zwölfeckiger Pavillon aus der Renaissancezeit, erbaut im frühen 17. Jahrhundert. Hier nimmt man auf einer Bank zwischen Blumen oder am Rand eines Springbrunnens Platz, schaut kleinen Gruppen beim Boule zu, dem einzigen hier geduldeten Ballspiel, und lauscht dabei dem gelegentlichen Klackern der aufeinandertreffenden Metallkugeln, dem stetigen Plätschern der Brunnen. „Wenn im Sommer die Linden blühen, stellt man sich so das Paradies vor“, sagt Barbara Vinken. „Dann komme ich zum Arbeiten her, zum Korrigieren und Lesen. Die Stunden verfliegen.“ Schön ist es hier aber zu jeder Jahreszeit – auch im Herbst und Winter.

SCHUMANN’S BAR

Zum Abschluss der District Tour bestellt Barbara Vinken einen Rindfleischsalat und einen Weißwein – in Münchens berüchtigter Bar-Instanz, dem Schumann’s. Drinnen die holzvertäfelte Bar oder rote Lederbänke, oben die nach Charles Baudelaires Gedichtzyklus benannte Bar Les Fleurs du Mal , ein intimer Rückzugsort, wo man das Geschehen unten durch Holzlamellen wie durch einen Schleier geschützt ungesehen beobachten kann; im Sommer sitzt man im Garten unter den Linden. Im Schumann’s trifft sich ganz München – und fast immer hat man das Glück, einen Bekannten zu sehen. „Ich brauche einen Tisch für Frau Vinken“, ruft ein Kellner, als wir die Bar über den Hofgarten betreten. Der Qualität von Speis und Trank tut der Promi-Status übrigens keinen Abbruch. Schon gar nicht nach einem Tag flanierend durch München. (schumanns.de)

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