Paris Gare du Nord

Eine Kolumne über suburbanes Leben in urbanen Stadtvierteln von Alex Toledano.

Bahnhöfe haben einen schlechten Ruf. Sie scheinen alles zu verkörpern, was Menschen an Städten hassen und fürchten: Chaos, Unberechenbarkeit, herumlungernde Typen, Obdachlosigkeit, Drogen, Taschendiebe. Und die Liste geht weiter. Der Bahnhof Gare du Nord im 10. Arrondissement von Paris lastet dieser Stereotyp ebenso an, obwohl er das verbirgt, was diesen Teil der Stadt so lebendig macht. Der Gare du Nord ist nicht irgendein Bahnhof – mit ungefähr 700.000 Besuchern an einem typischen Tag ist er der meistgenutzte Bahnhof Europas.

Obgleich viele dieser Menschen nie die Grenzen des Bahnhofs und seine labyrinthartigen Netze von Gängen und Plattformen verlassen, überflutet täglich eine große Menge die Straßen und die umliegenden Viertel des Bahnhofes. Wer sind sie? Woher kommen sie? Was machen sie? Und wohin gehen sie?

Die meisten Menschen, die sich in der Umgebung des Gare du Nord aufhalten, sind nicht bloß auf der Durchreise zu einem anderen Ziel. Sie sind auch die Menschen, die dem Viertel rund um den Gare du Nord seine Dynamik verleihen. Obgleich die Mehrheit von ihnen nicht dort lebt, leiten sie viele der umliegenden Läden, füllen die Cafés und sorgen so dafür, dass die Geschäfte ihre Rechnungen bezahlen können. Sie sind das Herz dieser Gemeinden.

Obwohl mehr als 2,2 Millionen Menschen in Paris leben, wohnen fast 10 Millionen in den Vororten. Eine Zahl, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs erheblich gestiegen ist. Diese Vorstadtbewohner haben großen Einfluss auf das tägliche Leben in Paris. Die Stadt bezeichnen sie nicht als ihre Heimat, jedoch verbringen sie dort ihre Tage, geben dort ihr Geld aus, treffen dort ihre Freunde, lachen und verlieben sich. Die Viertel um den Gare du Nord im 10. und 18. Arrondissement – Goutte d'Or, Château Rouge, Faubourg Saint-Denis, La Chapelle – haben ihre Existenz den Menschen zu verdanken, die über den Bahnhof in Paris ankommen. Tatsächlich sind an den seltenen Tagen, an denen es einen Zugstreik gibt und die suburbanen RER-Züge vollständig stillgelegt sind, die Mehrheit der Geschäfte in diesen Vierteln geschlossen.

In diesem Sinne ist der Gare du Nord nicht nur ein Anziehungspunkt, ein Mittelpunkt des Pariser Transportsystems, sondern das Herz, das den umliegenden Stadtvierteln den ganzen Tag und die ganze Nacht Leben einhaucht. Ohne den Bahnhof würden diese Viertel nicht so funktionieren, wie sie es heute tun, und die Leute, die sie bevölkern, wären gar nicht erst da.

Die große sri-lankisch-tamilische Gemeinde etwa, die den Bahnhof entlang der Rue du Faubourg Saint-Denis in La Chapelle flankiert, hätte sich wahrscheinlich näher an einem anderen großen Bahnhof niedergelassen, wenn es den Gare du Nord nicht gäbe. Die Mitglieder dieser Gemeinde leben in der ganzen Pariser Region verstreut und können dank des einfachen Zugangs rund um den Bahnhof am pulsierenden Leben der Märkte, der Bekleidungsgeschäfte, der Kollywood DVD-Läden, der Dosa Joints und der unzähligen lokalen Einrichtungen teilnehmen. Trotz der Tatsache, dass ihr Bett mindestens eine Zug- oder Busfahrt entfernt liegt, ist La Chapelle in vielerlei Hinsicht ihr Zuhause. Das Gleiche gilt für die anderen umliegenden Viertel des Gare du Nord – seien es Gruppen bestimmter ethnisch-nationaler Identitäten oder vielfältigere Gemeinschaften mit gemischter Herkunft und verschiedenen Kulturen. Das tägliche Leben dieser Viertel ist von den Mitgliedern der Gemeinschaften geprägt, die täglich über den Gare du Nord ein- und ausfahren.

Deshalb habe ich beschlossen, ein Buch über die Menschen zu schreiben, die das Herz des Lebens in der Umgebung des Bahnhofes bilden. In „Portraits of the Gare du Nord“ erzähle ich die Geschichten von 15 Menschen, die am diesem Leben teilhaben, begleitet von den wunderschönen Fotografien von Juliette Abitbol und Edouard Sanville. Die Leute, die wir ausgewählt haben – Nono, der das La Ferme-Restaurant betreibt; Nathalie, die einzige Frau, die ankommende Züge im Gare du Nord verbindet und trennt; Jocelyn, der kongolesische Dandy, der Kleidung für Sapeurs entwirft – hauchen der Nachbarschaft Leben ein, weil sie die Viertel prägen und dort ihren Lebensunterhalt verdienen.

Indem wir ihre Geschichten erzählen und genau beobachten, wie sie die Umgebung um den Gare du Nord nutzen, möchten wir die Art entmystifizieren, wie Menschen in diesen Vierteln leben, und Klarheit über diese komplexen städtischen Räume schaffen. Mit den Geschichten möchten wir zeigen, was die Menschen in diesen Teil von Paris gebracht hat und warum sie ihn  lieben.

Dies bringt uns zurück zu dem negativen Eindruck, den viele Menschen oft von Bahnhofsgegenden haben. Ihre traditionelle Angst vor stark frequentierten Stadtvierteln hat in den letzten Jahrzehnten rapide abgenommen. Dennoch werden Bahnhöfe oft gemieden, weil sie sich nicht immer wie andere aufstrebende Stadtviertel gentrifizieren. Sie widerstehen den trendigen Cafés und Luxusgeschäften, die andere Teile der Stadt längst füllen. Diese befinden sich zwar oft in der Nähe, sind aber etwas ruhiger und haben weniger Ecken und Kanten.

Vielbefahrene Bahnhöfe widersetzen sich dieser Form der Gentrifizierung, weil die hohe Anzahl an Menschen, die mit dem Zug in die Stadt kommt, eine große Wirtschaftsmacht darstellt. Am Gare du Nord Bahnhof kommen Pendler und Reisende aus allen Ecken Frankreichs an – aber auch internationale Besucher, die mit dem Eurostar, Thalys oder sogar über die Pariser Flughäfen anreisen, und beleben die umliegenden Viertel. Selbst die zunehmend wohlhabenden Menschen, die die Wohnungen dieser Straßen bewohnen, können mit der von den Passanten angekurbelten Wirtschaft nicht mithalten. Der Bahnhof und seine Fahrgäste regieren diesen Teil von Paris und machen ihn zu dem aufregenden, vielfältigen Ort, der er ist – und wahrscheinlich auch bleiben wird.

 

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Dieser Text basiert auf Alex Toledanos jetzt erscheinendem Buch „Portraits of the Gare du Nord“, das von VISTO Press herausgegeben wird. Alex lebt in Paris, nicht weit vom Bahnhof entfernt. Er verfasste seine Doktorarbeit über die Rollen der Besucher und der Bewohner bei der Gestaltung des gemeinschaftlichen Lebens und des Alltags in Pariser Stadtvierteln. Alex ist Mitbegründer und Präsident von VISTO Images, einer Kunstberatungsfirma, zu dessen Kunden auch das 25hours Hotel Terminus Nord in Paris zählt. „Portraits of the Gare du Nord“ wird in jedem Zimmer des Hotels ausliegen und seine Gäste in das komplexe, aufregende Leben des Viertels einführen.

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