Pop liebt Klassik

Klassische Musik verstaubt? Mitnichten!

Das beweist die junge Schweizer Dirigentin Lena-Lisa Wüstendörfer, die seit über zehn Jahren in der einstigen Männerdomäne den Takt vorgibt. Mit COMPANION sprach Lena-Lisa über Führungsqualitäten, Dirigentenfitness und die politische Aktualität von Beethovens 9. Sinfonie.

Der Taktstock fegt durch die Luft, die Flöten setzen ein, alle Augen im Orchester sind der Dirigentin zugewandt. Das Musikstück entfaltet sich unter ihren Gesten, selbst das Publikum im Berner Münster atmet im Rhythmus der Klänge. Bereits seit zehn Jahren steht Lena-Lisa Wüstendörfer in Zürich und Umgebung als Dirigentin in Konzertsälen. Ein Job, der nicht nur musikalisches Gehör und Führungskompetenz erfordert, sondern auch körperliche Ausdauer: „Ich mache da Fitness auf einem Quadratmeter“, meint Lena-Lisa lachend.

Beim Stichwort „klassische Musik“ denken viele zunächst an längst verstorbene Komponisten mit Rokoko-Perücken, gut betuchte Senioren im Frack oder Sekt und Brezeln im Opernhaus. Aber nicht an eine moderne junge Frau, die klassische Musik für sich selbst entdeckt hat und die heute im wahrsten Wortsinn den Takt vorgibt. „Ich war schon immer fasziniert vom Orchesterklang, von den Emotionen, die man beim Publikum auslösen kann“, erzählt Lena-Lisa, die zunächst Flöte, Geige und Klavier lernt und schließlich Violine an der Hochschule für Musik in Basel studiert. Erst während des Studiums merkt sie, dass sie noch lieber dirigieren als selbst spielen würde – und schafft prompt die Aufnahmeprüfung für den Studiengang.

Als Lena-Lisa ihren Abschluss macht, ist sie gerade mal 24 Jahre alt und leitet bereits Orchester und Chöre in der Größe von 80 bis 150 Musikern: „Jeder junge Dirigent muss sich beweisen, so wie jeder andere junge Mensch im Berufsalltag auch. Nach einer halben Stunde Orchesterprobe interessiert es niemanden mehr, ob du alt oder jung, Mann oder Frau bist. Wichtig ist, ob du diesen Klangkörper kompetent durchs Stück führen kannst.“ Dass sie das kann, steht außer Frage. Sie ist heute etwa Gastdirigentin beim Zürcher Kammerorchester und Thailand Philharmonic Orchestra oder betreut das Uniorchester Bern und den Berner Bach Chor.

Wenn sie eine neue Partitur studiert, wie aktuell Beethovens 9. Sinfonie, dann gehört für die junge Dirigentin eine ausgiebige Hintergrundrecherche dazu. „Was haben sie für Instrumente gebraucht, was haben die verschiedenen Zeichen in der Partitur damals bedeutet? Gleichzeitig versuche ich herauszufinden, welche Geschichte ich heute damit erzählen will.“ Auch wenn das Stück bereits fast 200 Jahre alt ist, hält Lena-Lisa es für zeitlos: „Da heißt es: ‚Alle Menschen werden Brüder.‘ Ich glaube, so etwas wie die 9. Sinfonie ist heute hochaktuell, gerade angesichts der aktuellen politischen Lage, in der man sich auf die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Völker fokussieren sollte, nicht auf deren Unterschiede.“

Für Lena-Lisa ist klassische Musik spannend – und immer noch relevant. „Es ist ein bisschen wie mit Romeo und Julia. Das ist ja auch alt, aber topaktuell. Liebe, Hass, Hoffnung, Leid: Es sind immer die gleichen Emotionen, die Menschen bewegen. Die finden sich in der Klassik genauso wie in der Popmusik wieder.“ Privat höre sie übrigens kaum Musik. Dabei würde sie sofort anfangen zu analysieren. Für COMPANION hat sie dennoch ihre liebsten Songs zu einer persönlichen Playlist zusammengestellt.

Vienna Contemporary

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