Vienna’s Got Talent

Nadiv Molcho ist Schauspieler für Theater und Film, Comedian, Regisseur, Drehbuchautor und Produzent – und dabei ist der Künstler gerade mal 27 Jahre alt. Ein Gespräch.

Die Molchos sind in Wien so was wie eine kreative Vorzeigefamilie. Mutter Haya führt gemeinsam mit ihren Söhnen das kulinarische Imperium Neni, ein israelisch-mediterranes Restaurantkonzept mit mittlerweile mehreren erfolgreichen Ablegern in unterschiedlichen Städten. Vater Samy war als Pantomime international bekannt und hat seine Körpersprachenexpertise nicht nur auf den Bühnen dieser Welt gezeigt, sondern auch als Professor am Wiener Max-Reinhardt-Seminar und als erfolgreicher Autor mehrerer Bücher.

Auch Molcho-Spross Nadiv erweist seinem berühmten Namen alle Ehre, und das als echter Tausendsassa: Er ist Schauspieler für Theater und Film, Comedian, Regisseur, Drehbuchautor und Produzent – und dabei ist der Künstler gerade mal 27 Jahre alt. Für sein Theaterstudium hat es Nadiv unmittelbar nach seiner Schulzeit nach New York verschlagen, anschließend lebte er einige Jahre in Los Angeles. Mittlerweile hat der schlanke junge Mann mit dem lockigen schwarzen Haar seine Basis nach Wien und London verlegt, von wo er sein nächstes Filmprojekt vorbereitet und parallel mit seiner Comedyshow „Randomly Awkward-ly“ im Ateliertheater im Stadtteil Neubau auftritt.

Dort empfängt uns der sympathische Nadiv mit offenen Armen, als wir ihn während der Vorbereitungen zu seiner Show begleiten, um mehr über den aufstrebenden Star zu erfahren. Wie ein Wasserfall spricht Nadiv über sein Leben und seine Ziele, mit jener selbstsicheren Energie, die einen guten Geschichtenerzähler ausmacht. Auf dem Namen Molcho ruht er sich dabei nicht aus, geht stattdessen lieber schnurstracks seinen eigenen Weg. Das Credo seiner Familie hat er dabei dennoch immer mit im Gepäck: Mit Leidenschaft und Talent kann alles klappen.

COMPANION: Nadiv, auf deiner Visitenkarte steht: Schauspieler und Filmemacher. Wo fühlst du dich am wohlsten – auf der Bühne, vor oder hinter der Kamera?

Nadiv Molcho: Ich fühle mich eigentlich immer noch am wohlsten, wenn ich auf der Bühne stehe. Was interessant ist, weil ich faktisch am wenigsten Bühnenerfahrung habe. Beim Filmemachen ist es ja so, dass man viel weniger Text lernt, immer nur für einen Teil der Szene. In einer Filmrolle kann ich außerdem nicht mit derselben Spontaneität spielen, es sind oft viele Leute involviert und Zeit kostet Geld. Man hofft natürlich auf die Improvisationsbereitschaft des Regisseurs oder der Regisseurin, aber habe ich eine Filmrolle übernommen, komme ich hundert Prozent vorbereitet.

Du schauspielerst nicht nur, sondern stehst auch als Komödiant auf der Bühne.

Bei Stand-up-Comedy habe ich das Gefühl, dass ich mich weniger einarbeiten muss. Ich bin allein und kann frei agieren. Beispielsweise liebe ich es, bei Comedyshows Situationen einzubeziehen, spontan einzugehen auf das, was da vielleicht gerade im Publikum passiert. Das ist ein großer Spaß – aber auch nicht einfach, denn du kannst ja nicht proben, weißt nicht, wie das Publikum auf manche Einfälle so reagiert.

In deinem neuen Stand-up-Programm „Randomly Awkward-ly“ geht es um Geschichten aus deinem Privatleben. Würdest du sagen, für deine Filme kreierst du dir fremdere Welten, auf der Bühne arbeitest du eher dokumentarisch?

Für mich ist die Bühne eine Art Therapie. Ich fühle mich sehr offen auf der Bühne. Natürlich ist es Comedy, und viele Situationen sind übertrieben. Aber es hat doch sehr viel mit meinem Leben zu tun. Ich erzähle von Beziehungen, von meiner Arbeit und auch aus Situationen, von denen ich mir denke: Bin ich denn der Einzige, der das so empfindet? Auch meine Filme haben Bezüge zu meinem Leben – durch das Thema Liebe zum Beispiel.

Übst du in deinem Programm auch den politischen Diskurs?

Viele meinen ja, die besten Stand-up-Comedians müssten täglich unzählige Zeitungen lesen, um gute politische Witze machen zu können. Ich sag’s ganz offen: Ich denke, Stand-up-Comedy kann man nicht einstudieren, nicht lernen, entweder man ist damit geboren oder nicht. Ich hab’s probiert, mit Witzen über Trump zum Beispiel, aber ich merke: Die besten, leichtfüßigsten Jokes kommen bei mir einfach aus meinem Leben.

Stichwort Trump: Vor allem in den USA hat die Comedy- und Satireszene seit der vergangenen Präsidentschaftswahl ordentlich Fahrtwind bekommen. Gerade Late-Night-Shows sind beliebter denn je, so scheint es. Woran könnte das liegen?

Ich glaube, dass diese Art von Comedy ein wichtiges Ventil ist, auszudrücken, was manche Menschen nicht ausdrücken wollen oder können – und anscheinend ist der Redebedarf diesbezüglich momentan sehr groß. Künstler waren aber immer schon sehr politisch engagiert und sind es noch. Diejenigen, die über Politik adäquat und lustig reden können, finde ich toll und sehr wichtig. Chapeau!

 

Wann und wie kommen dir eigentlich deine Ideen?

Die Gewürze meiner Mutter, die Anekdoten meines Vaters, das sind alles Dinge, die mich beeinflussen. Und ich reise sehr viel. Ich finde, jeder Mensch hat eine Geschichte zu erzählen – ob sie interessant ist oder nicht, steht auf einem anderen Blatt. Oft ist es auch von den Umständen abhängig. Bei meinem ersten Film „History of Now“ wusste ich: Ich fliege bald nach Marokko, habe wenig Zeit und Geld, kann also keinen großen Actionfilm machen. Ich entschied mich für etwas Einfaches; keine wahre, aber eine realistische, romantische Geschichte. Ich bin sehr behütet aufgewachsen, aber das war das Drama meiner Zeit: Liebeskummer.

Hast du Druck gespürt, in so einer kreativen Familie aufzuwachsen?

Im Gegenteil. Meine Familie hat mir nie das Gefühl gegeben, dass sie hohe Erwartungen an mich hat. Die habe ich schon an mich selbst. Sie wünschen mir einfach, eine glückliche und spannende Karriere zu haben, und freuen sich auf meinen Weg.

War dir eigentlich früh klar, dass du einmal Schauspieler werden würdest?

Ja, auf jeden Fall. Als ich zehn Jahre alt war, habe ich meine erste Rolle in einem Film namens „Uprising“ für NBC und Warner Bros gespielt. Da wusste ich schon, dass ich eines Tages nach Los Angeles ziehen würde, um Schauspieler zu werden. Das Einzige, was sich verändert hat, ist der Blickwinkel – und zwar auch hinter der Kamera als Regisseur zu stehen.

Als Schauspieler wolltest du gleich nach Hollywood. Warum?

Ich habe immer schon groß geträumt! Wenn schon, denn schon (lacht). 

Du wirst oft als „Selfmade Man“ bezeichnet. Anstatt auf spannende Rollen zu warten, schreibst du sie dir einfach selbst?

Unbedingt! Von meiner Familie habe ich gelernt: Wenn man Leidenschaft und Talent für etwas hat, wird das auch klappen. Natürlich darf man nicht rumsitzen und warten, bis das Telefon klingelt – man muss auch mal selbst zum Hörer greifen. Ich habe in meinem ersten Film „History of Now“ eine der Hauptrollen übernommen, mit meinem zweiten Film „Lapdog“ wollte ich mir nun selbst die Chance geben, etwas vollkommen anderes zu machen. Das ist ein Charakter, der komplett anders ist als die vorherige Hauptrolle und als Nadiv Molcho: durchtrainiert, tätowiert. Ein Produzent in Hollywood würde mir momentan so eine große Rolle im Übrigen auch gar nicht anbieten.

Welche Rolle spielt Wien heute in deinem Leben und deiner Arbeit?

Wien ist immer noch meine Lieblingsstadt! Ich finde immer sehr viel inspiration in Wien – Geschichte, Architektur, Kultur und natürlich meine Freunde. Einfach gesagt: Ich liebe das Wienerische an Wien. Wenn es aber um meine Filme geht, dann ist das Ziel, sie auch international zeigen zu können, egal, ob sie dort vorbereitet und gedreht werden oder nicht.

Wie finanzierst du deine Projekte?

Meinen Debütfilm „History of Now“ habe ich mit meinem Bar Mitzwa-Geld bezahlt (lacht). Zum Glück habe ich auch familiäre Unterstützung von Neni bekommen, die haben das Catering gesponsert. Mein zweiter Spielfilm „Lapdog“ wird durch private Investoren finanziert. Ich glaube, weil ich es geschafft habe, „History of Now“ als Low-Budget-Indie-Film in die Kinos zu bringen, hat mir das ein gewisses Momentum gegeben.

Deine Familie spielt in „History of Now“ kleine Nebenrollen. Sind deine Projekte also auch Familienangelegenheiten?

Ich liebe es, Zeit mit meiner Familie zu verbringen – am Set und abseits. Und ich bin immer beeindruckt, wie leidenschaftlich sie ihre Aufgaben erledigen. Wenn man auch so viel Spaß daran hat, muss man eigentlich nie zur Arbeit gehen! Anfangs habe ich meine Familie eigentlich nur involviert, weil wir uns keine Hollywoodschauspieler leisten konnten. Aber es freute mich zu sehen, wie talentiert sie doch eigentlich alle sind. Ironischerweise hat mein Bruder Ilan in London Theater studiert, war aber viel zu beschäftigt, um mitzuspielen. Am wichtigsten ist mir aber die emotionale Unterstützung meiner Familie. Meine Produktionsfirma habe ich aus Verbundenheit sogar Neni Films getauft – „keeping it in the family“ (lacht).

Du bist Genre- und Branchenspringer. Hast du eine Art großes Ziel?

Ich will unbedingt einen Film über meinen Vater machen. Ich finde, wenn es eine Rolle gibt, die für mich perfekt ist, dann ist es die Rolle meines Vaters. Seine Kindheit und Jugend in Israel, seine Karriere als Pantomime, die Liebesgeschichte meiner Eltern … Aber auch über das Leben und den Erfolg meiner Mutter könnte ich mittlerweile einen Film machen! Das wären Streifen wie jene, die ich mag: Man lacht, man weint, es ist unterhaltsam, traurig, so wie das Leben. Viele Leute haben Angst, sich auszudrücken. Für die Menschen mache ich meine Arbeit. Ich weine, ich schreie für sie. Und dann Feedback zu bekommen, das ist wertvoll. Es geht mir nicht darum, berühmt zu werden – dann könnte ich auch einfach nackt über die Straße laufen. Und am nächsten Tag wäre ich in allen Zeitungen. 

imdb.me/nadivmolcho

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